Zwei Drittel Mond

Kurz vor der partiellen Sonnenfinsternis kochte ich einen Kaffee. Im Blumenbeet vor meinem Fenster, das ein Gras-, Farn- und Haselstrauchbeet ist, kratzte eine Amsel emsig im Erdreich. Sie suchte einen leckeren Regenwurm. Das Licht war bereits seltsam, doch die Amsel schien das nicht zu stören. Das beruhigte mich. Ich wußte, daß es gleich soweit sein würde, und war ein klein wenig aufgeregt. Das Licht war apokalyptisch. Von nun an wird alles anders, dachte ich und goß das heiße Wasser in die Kanne. Ich bin etwas dramatisch und jederzeit bereit für das Wunder. Mit einem Becher Kaffee ging ich hinaus und schaute in die Sonne. Sie blendete. Ich war nicht ausgestattet, besaß weder Sonnenfinsternisbrille noch Verbandskastenfolie. Jetzt weiß ich, daß eine mit der Kerze geschwärzte Glasscheibe ausgereicht hätte, um zu sehen, welche Teile der Sonne der Mond verdeckte und welche weiter Licht verschickten. Der Schattenwurf der zu zwei Dritteln verdeckten Sonne war tadellos. Nur der Himmel wirkte recht verändert: im Osten hell, gen Westen dunkler werdend, in ein dunkelblaues Schwarz hinein, das unheilvoll wirkte. Es war hell und dunkel zugleich. Meine Nachbarin zeigte sich am Fenster und freute sich, mich zu sehen. Auch ihr gefiel dieser Himmel. Eigenartige Stimmung an diesem besonderen Tag kurz vor Frühlingsanfang. Ich ging schnell wieder in die Wohnung, kam mir vor wie ein Tier, dessen Instinkte Rückzug befehlen. Nach der letzten Sonnenfinsternis zog ich nach Berlin. Ich lebe hier seitdem. Als ich später das Haus verließ, war alles wie immer. Die Sonne war voll und ganz, nehme ich an.


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