Einige Gespräche der letzten Wochen und Monate kehren an diesem trüben Tag zu mir zurück, als sähen sie eine Chance, ein zweites Mal bedacht zu werden. Draußen ist sowieso nichts los, gute Zeit für das innere Sprechtheater. Die Menschen, die Themen, die Orte. Manche hören lieber zu, andere ziehen es vor, selbst zu sprechen. Diese können zur Last werden. Schlimm ist es, wenn man sie mag. Sonst könnte man sich einfach umdrehen und gehen. Vielleicht würde ihnen nicht einmal das auffallen.
Warum bemerken sie nicht, daß sie pausenlos senden? Liegt es am Eifer, daß sie so gefangen sind? Stehen sie im Bann ihrer eigenen Worte oder jagen sie so konzentriert einer Geschichte nach, daß sie um sich herum alles vergessen? Ein Kind vergißt die Welt beim Spiel. Während sie sprechen, schauen sie mich die ganze Zeit über an, als wollten sie mich bannen. Meine zaghaften Versuche, aktiv am Gespräch teilzunehmen, wurden bereits abgeschmettert. Ich soll weiter zuhören, denn das Wichtigste kommt doch noch.
Aus Höflichkeit höre ich weiter zu und verzichte auf Bewegungen der Unruhe und der Ungeduld. Vielleicht findet die Geschichte dann schneller zu ihrem Ende. Sie findet nicht. Nach Onkel Max ist jetzt nämlich Tante Heidemarie dran, ebenfalls eine hochinteressante Persönlichkeit, die ganz ähnliche Interessen hat wie … Ich sollte das Handtuch werfen oder vom Hocker kippen. Stattdessen bitte ich darum, kurz zur Toilette gehen zu dürfen. Derweil ich dort stehe und durchatme, überlege ich, ob es unhöflich ist, mich nach meiner Rückkehr zu jemand anderem zu setzen. Ich bin nämlich sehr erschöpft.
Ich werde das nicht tun, da ich mir vorstelle, wie es auf mich wirken würde. Ich komme zu dem Ergebnis, daß ich gekränkt wäre. Ich möchte aber niemanden kränken. Ich kehre demnach zurück an meinen Platz und hoffe das Beste. Das Beste kommt in Gestalt eines neuen Gastes, auf den nun die Wahl des Sprechers gefallen ist. Seltsam, dem Sprecher ist es völlig gleichgültig, was ich davon halte, daß ich nun raus bin. In Wahrheit bin ich heilfroh, nur kann er das ja nicht wissen.
Manche sagen, es liege am Erbgut oder am Milieu oder an beidem: Das liegt bei denen in der Familie oder Die Mutter war genauso. Es hat nichts mit dem Geschlecht zu tun. Eher vielleicht damit, daß ihnen als Kind nicht zugehört wurde. Sie lernten also, sich durchzuboxen und Aufmerksamkeit gleichsam zu erzwingen. Eine törichte Strategie. Doch wir Menschen neigen zu solchem Quatsch. Sodann muß nicht zuhören, wer selber spricht. Man bleibt dann auch besser wach. Sollen die anderen doch erschöpft zusammenbrechen, man selbst reitet weiter durch Wort und Welt. Nennen wir es Ichbefangenheit.
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