Bei Dämmerung

Man ließ sie rufen. Sie war alt und verrückt. Das ganze Dorf hörte sie, wenn die Dunkelheit hereinbrach. Es waren lang gezogene Rufe einer altersschwachen, doch noch immer kräftigen Stimme. Uns Kindern gefror das Blut in den Adern, der Atem stockte. Wir blieben stehen und lauschten angestrengt in Richtung der Leibzucht, des abseitigen Gebäudes auf dem Hügelkamm jenseits von Dorfbach und Straße. Ohne den Tritt unserer Schritte auf dem Pflaster würden wir noch deutlicher vernehmen, was die Alte, um die sich keiner mehr kümmerte, in die Nacht hinaus rief. Da war es wieder, dunkel und verzweifelt, ein Rufen aus dem Innern der Angst. Wir hörten es nun sehr genau. Der Nordwind trug es uns zu: Hööölpe … Hööölpe … Und noch einmal: Hööölpe … Wir kannten sie nicht, hatten sie nie gesehen. Vor den Fenstern des schwarzroten Backsteinhauses, das abweisend wirkte und böse, hingen ergraute Gardinen. Ob sie das Haus noch verließ, wußte niemand zu sagen. In unserer Phantasie war sie steinalt und schlohweiß und hatte ein eingefallenes Gesicht, in dem ein zahnloser Mund unheimliche Laute formte, immer nur nachts, wenn die Katzen streunten oder wir vom Spielen im Wald heimwärts liefen. Hööölpe … Man ließ sie rufen. Ihre Angehörigen wohnten nicht weit, sie mußten die Rufe doch hören. Sie hörten sie sehr wohl, doch war sie ja alt und verrückt. Was zählte es da, daß sie einsam war und sich fürchtete. Was ruft die denn? fragte ich. Mein Bruder sagte: Ich glaube, das heißt: Hilfe. Wir liefen sehr schnell nach Haus.


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