Blumen ohne Strauß

„Wenn sie Euch dennoch Freiheit geben, so sind sie eben Schelme, die mehr geben, als sie haben. Sie geben Euch dann nämlich nichts von ihrem Eigenen, sondern gestohlene Ware, geben Euch eure eigene Freiheit, die Freiheit, welche Ihr Euch selbst nehmen müßtet; und sie geben sie Euch nur, damit Ihr sie nicht nehmet …“ Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum.

Man soll uns zugestehen, worauf wir doch ein Recht zu haben meinen. Man soll uns nicht länger behelligen, uns gefälligst selbst und allein entscheiden lassen. Wir bitten um die Erlaubnis, frei zu sein. Wir suchen den Beifall derer, die einmal für uns entschieden und bestimmten. Wir möchten harmonisch übertreten in den Stand der Mündigkeit und erbitten die Zustimmung, ja den Beifall derer, von denen wir uns ganz offensichtlich lossagen. Das ist kläglich. Denn was geschieht, wenn die Zustimmung nicht erfolgt? Möchten wir dann unglücklich sein oder uns unserer Wünsche schämen, nur weil wir sie nicht mit jenen anderen teilen? Wir sind ganz schön auf das Schaf gekommen in dieser Herdenwelt des beginnenden 21. Jahrhunderts. Ausufernde Sehnsucht nach Kuschelei und Konfliktvermeidung. Sind wir so schwach und entkräftet? Wer seinen Weg gehen möchte, muß die Richtung selbst bestimmen und verantworten. Was konnte uns derart entmutigen, daß wir, wenn wir uns begegnen, einander als leere Hüllen wahrnehmen? Die Guten leiden still, während die Feisten die Kommandohügel erklimmen und uns mit ihren zwei kleinen Wahrheiten deprimieren. Die erste lautet: Was geschieht, geschieht. Die zweite lautet: Da es geschieht, muß es geschehen.

Nun zu Erfreulichem: Die Sonne hat Kraft und die Pflanzen richten sich nach ihr aus. Meine Nachbarinnen sitzen im Garten und bringen die Blumensaat aus. Sie haben beide feuerrote Haare und lachen gern. Der Kaffee schmeckt ausgezeichnet. Man soll ruhig ein bißchen zittern, dann spürt man die Nerven so schön. Würziger afrikanischer Geschmack. Über die Freiheit denke ich nach, weil sie mein Thema ist. Ich habe sie mir nicht gewählt, sie hat mich gewählt. Sie sorgt dafür, daß ich mich nicht einspannen lasse. Sie will mich ganz für sich und muß mich doch hin und wieder lassen. Endlich fordert sie mich wieder ein. Das ist des Lebens Spiel, eine seiner zahllosen Varianten. Das macht lachen. Jetzt pflanzen mir meine Nachbarinnen Sonnenblumen vor das Fenster. Ist das zu fassen.


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