Mumien

In den Küchen sitzt es sich stets besser als in jenen Räumen, die Wohnzimmer heißen. Man darf keinesfalls dorthin umziehen, auch wenn die Frau des Hauses dies mehrfach vorschlägt. Wohnzimmer töten die Gespräche. Sie sind die leblosesten Zellen des Hauses; man könnte sie auf ewig schließen wie ägyptische Grabkammern. Dort hätten auch die Toten der Familie guten Platz. Dazu die Bücherschränke mit Werkausgaben, in die seit ihrer Anschaffung niemand einen Blick zu werfen trachtete. Idiotische Gemälde an den Wänden, die niemand mehr wahrnimmt. Ausstellporzellan, Sammeltassen, Zinnteller, Silberbesteck für die Sonntage des Jahres.

Gute Stube ist der andere Name dieser Stätte des Grauens. Da wollten die reinlichen Bürger dem Adel nacheifern. Doch den Salon haben sie gründlich mißverstanden. Der Bürger steht immer unter allem, das ist sein Problem. Er betet und bangt nach oben wie ein ewiger Angestellter des Lebens. In sein Herrenrecht ist er nicht eingetreten. Obwohl er mehr als zweihundert Jahre Zeit dazu hatte, vermochte er nicht, das Strebertum abzulegen. Nun verliert er seit vier, fünf Generationen schleichend und allmählich die Fassung und wird „locker“. Das hat uns gerade noch gefehlt. Jetzt wird es richtig lustig. Aus den Gewändern der Zeit müßte nun eine neue Figur treten. So will es das Drama der menschlichen Komödie. Vielleicht erkennt man bereits Umrisse.


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