Yoga kraß und lustig

Im Untergrund verkehrt. Die Halle wie ausgestorben. Die letzte Frau, die noch irgendwohin möchte, verläßt die Station. Der Kiosk läßt die Rolläden runter, ausverkauft. Ich mache mit und werfe die Tasche auf die Gleise. Die Bahn fährt ein. Erstaunlich, daß im Licht dort Menschen sitzen. Sie sollen irgendwohin. Demnach funktioniert das System.

Ich finde Platz neben einer, die die ganze Zeit lacht. Sie lachte bereits, als ich einstieg. Zwei Stationen später weiß ich, weiß jeder, daß sie sich auf ihrem Smartphone einen lustigen Yogafilm angesehen hat. Uns gegenüber sitzt eine Frau und ist den Tränen nah, weint dann auch. Etwas Schlimmes ist passiert. Die Blonde mit dem Yogafilmchen bemerkt das nicht, schwatzt nun munter mit demjenigen, der sie auf diesen Clip hingewiesen hat. Was ist das? telephoniert sie. Yoga? Kraß!

Gegenüber dieser Schmerz. Die Frau hält sich nur noch mit Mühe in einer Fassung, die das öffentliche Leben verlangt. Die große Blonde, alt genug fürs Menschsein, steigt aus, schwatzt weiter über Yoga, kraß und lustig, hat nichts bemerkt, war ganz versunken in Film und Kommentar. Die dunkle Trauernde steigt eine Station später aus, telephoniert nun auch, schluchzt, klagt, brüllt jemanden an. Die Tür schließt sich, wir fahren weiter.

Eine lacht, die andere weint. Sie hätten sich berühren können, so nah saßen sie einander gegenüber. Natürlich taten sie das nicht, denn man ist sich fremd und bleibt sich unbekannt in diesen Städten und in solchen Situationen. Auch ging die Heiterkeit der Hellen ja nicht auf Kosten der Dunklen. Sie waren vollständig getrennte Bereiche und wußten das. Abstand eineinhalb Meter.

Manchmal ist es lustig, zuweilen ist es traurig. Daraus macht man doch kein Drama. Nächstens lacht die Dunkle, schluchzt die Helle. Und doch war die ganze Szene total obszön. Nein, nicht die Szene war obszön.


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