Größeres Bild gesucht

Es liegt geradezu in der Luft, so daß ich meine, es spüren zu können. Wir benötigen dringend ein großes Bild, in dem die Geschichten und Leiden der Menschen und Völker aufgehoben sind. Eben wollte ich noch „Staaten“ hinzufügen, doch Staaten leiden nicht. Sie sind kalte Wesenheiten, treten auf und gehen unter. Wer leidet (verwundet wird, stirbt, Sterbende zu beklagen hat), sind stets die Menschen, einzeln und in Gruppen. Dafür stellvertretend das etwas pompöse Wort „Völker“. Manchmal sind es Schichten oder Klassen, Stämme, Ethnien oder Glaubens- und Lebensgemeinschaften, die zu leiden haben, wenn die Herrschaft sich austobt zugunsten derer, die sich mächtig genug wähnen, Dominanz kriegerisch herzustellen und zu halten. All dieses Trachten ist einerseits wahnhaft, andererseits interessegesteuert. Das jeweilige Interesse ist offenkundig. Der Wahn liegt darin, anzunehmen, solche Herrschaft lasse sich bewahren und dauerhaft festigen. Wer Wunden schlägt, bekommt es mit den Verwundeten zu tun, früher oder später. Die Getretenen treten, die Verletzten verletzen, die Gedemütigten demütigen. Und so fort. Aus diesem Programm zeitlich versetzter Reiz-Reaktions-Prozesse müßte man doch aussteigen können. Die Logik des Wie-du-mir-so-ich-dir ist ruinös. Das dürfte man wissen, doch sogar in unserem kriegsschuldigen und -versehrten Land mehren sich Stimmen, die erneuten Waffengängen das Wort reden. Vielleicht aus Vergeßlichkeit, vielleicht weil man glaubt, Aggressoren reagierten eingeschüchtert, wenn man sie anzugreifen droht. Von hier zurück an den Anfang: Wir benötigen ein Bild gemeinsamen Verstehens, was sich im Zweiten Weltkrieg, im Ersten Weltkrieg, davor noch und weit danach wirklich ereignet hat. Worum ging es doch gleich? So viele nationale, korporierte und individuelle Antworten, doch wie lautete eigentlich die Frage? Vorherrschaft in Europa, richtig. Vorherrschaft in der Welt, richtig. Wer hat sie, wer braucht sie, wer will sie? Und wir hier in Europa, jetzt (siebzig Jahre später) noch einmal nachstänkernd? Gemeinsamkeiten mit einem Mal nicht mehr kommunizierbar? Warum nicht? Wer verspricht sich denn was? Viele sind etwas irre dieser Monate und Jahre. Gutes Datum, dieser 8. Mai, um noch einmal nach dem Bild zu fragen, in das wir alle passen könnten. Eigentlich sogar müssen. Ist es so schwer zu zeichnen?


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