Die Sehnsucht nach Ergänzung

Howl von Allen Ginsberg, (putzig, poppig, harmlos) verfilmt. Zu Ginsberg: Wer so dichtet, dem fehlt vieles. Wie uns allen. Dafür ist Dichtung da: das Fehlende aufzurufen, dem schmerzlich Vermißten Ausdruck zu verleihen und den besten Platz zu erkämpfen. Theorie des Fehlens – eine moderne Literaturtheorie, die einleuchtet. Etwas schaffen, weil es dringend benötigt wird. Wie eine Medizin, wie die Botschaft einer möglichen Erlösung, wie der Schlüssel zu den Handschellen. Wäre es da, müßte man nicht viele Worte machen. Zwar gibt es das Preisen und Danken und Loben, doch haben die Dichter dieses Geschäft den Professionellen überlassen (weitestgehend), den Angestellten und offiziell Berufenen der Dankesgruppen, die für ihre jeweiligen Vereine befugt sind zu sprechen. Ich habe in einem protestantischen Gottesdienst einmal das Wort „Danke“ so oft gehört, daß ich kurz davor war, dem Priester, der exakt wußte, „was der Herr will“, eine Banane zu überreichen. Anschließend las ich zur Heilung meiner wunden Ohren und meines verletzten Hirns und meines mißhandelten Herzens die klugen Spruchgedichte aus dem Tao Te King oder Daodejing, denn dort heißt es (in der Übersetzung von Richard Wilhelm): „Der Sinn, der sich aussprechen läßt, / ist nicht der ewige Sinn. / Der Name, der sich nennen läßt, / ist nicht der ewige Name.“ Ob dieses Werk einen einzelnen Verfasser hatte, weiß niemand. Doch zurück zum Fehlen und Sehnen: Sie meinen den anderen, den zweiten Teil oder die andere Hälfte unserer vollkommenen Existenz. Sie zielen nicht auf Personen, doch erkennen wir die sinnvolle Ergänzung zuweilen in einem Menschen. Anderntags ist es eine Musik oder ein grüner Vogel.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Die Sehnsucht nach Ergänzung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert