Schuldig ist stets das Unbekämpfbare

In Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft gibt es den Abschnitt über Sanctus Januarius, Viertes Buch. Dort schreibt der angeblich große Verneiner: „Und, alles in allem und großen: ich will irgendwann einmal nur noch ein Jasagender sein!“ Mit Kritik kann sich jeder eine Zeitlang aufhalten, doch dann geht es weiter. Die Dinge kritisieren sich ja schon selbst, jedenfalls jene Verhältnisse, die derzeit kritisierbar sind oder es wären.

Dauernd höre ich „der Kapitalismus“. Ach ja, wirklich, ist dieser Typ namens Kapitalismus derjenige, der uns ins Unglück führt und die Macht besitzt, uns zu verfälschen, zu Bestien zu machen, egoistisch zu denken und rücksichtslos zu handeln? Zwingt er uns, jederzeit an die ökonomische Verwertbarkeit von allem zu denken? Läßt er uns unsere Wohnung während unserer Abwesenheit „zu Marktpreisen“ untervermieten, die weit über dem liegen, was wir an Miete zahlen? Soll ich, weil er es möchte, demnächst Geld für die Gespräche nehmen, die ich führe? Abgebucht unter Beratung? Kapitalismus ist zum Gespenst geworden, wie früher einmal sein Pseudowidersacher, der marxistische Kommunismus. An allem soll er schuld sein, vor allem an höchstpersönlichem eigenen Versagen und rücksichtslosem Egoismus.

„Das macht man heute so, wir leben in der Marktwirtschaft“, jiffelten die ostdeutschen Karrieremenschen und Schnellkapitalisten unmittelbar nach der Wende, um zu rechtfertigen, daß sie sich abartiger benahmen als alles, was aus dem Westen zu ihnen kam, um Geschäfte zu machen. Sie dachten, sie hätten gelernt und wüßten nun, wie es läuft. In ihren Betrieben hatten die Angestellten und Mitarbeiter zunächst gar keine Rechte. Da mußte sich erst „die Marktwirtschaft“ einspielen, damit sie als Chefs das kapierten. Naßforsche Neu-Kleinunternehmer mit Kurs auf Mittelstand. Was für armselige Gestalten.

Sich rechtfertigen mit „den Verhältnissen“, darin sind sie gut hier in Deutschland. Woanders vermutlich ebenso. Doch selbst einmal etwas anders, etwas besser machen – daran hapert es. Könnte zwei Cent mehr kosten, könnte „die Konkurrenz“ (noch so eine Idiotenvokabel) begünstigen, könnte in den Ruin führen, denn gewinnen kann nur, wer zusieht, wie die anderen verlieren. Kapitalismus ist die Entschuldigung schlechthin. Herr, laß es Hirn regnen, auch bitte in diese Regionen des Stumpfsinns. Wir müssen raus, sonst werden hier noch mehr Leute wahnsinnig. – Ist das große Ja dahinter erkennbar geworden?


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