Als wir die Bar betraten, die eher dem Foyer eines mexikanischen Hotels glich, wußte ich, daß wir nicht angemessen gekleidet waren. Europäisch-nordamerikanische Achtlosigkeit, noch unter „casual wear“. Sozialhelferkleidung, was mich angeht: Kapuzenpulli, alte Lederjacke, vergammelte Jeans, halbwegs dichte Schuhe. Das ist schäbig. Auch die anderen Gäste waren Ort und Stunde nicht gewachsen; sie sahen in etwa aus wie wir, nur daß sie aus Spanien, Mittel- oder Südamerika stammten, jedenfalls schnell und temperamentvoll sprachen, später immer lauter wurden, fröhlicher, übermütiger. Einige von ihnen feierten sich ein wenig. Es war ihnen zu gönnen. Die Bartenderin war schlank, schön und sehr streng. Sie lief nicht, sie schritt. Erst hielt ich sie für eine Indiofrau, dann erschien mir das unwahrscheinlich. Ich bewunderte ihre Haltung, das sehr lange pechschwarze Haar, ihre Fähigkeit, Regungen zu verbergen. Einen Stolz, den es hierzulande nicht in dieser Ausprägung gibt. Hierzulande hieße das Hochmut, gar Dünkel. Der Stolz dieser Schönheit hatte etwas natürlich Vornehmes. Sie war eine von jenen Frauen, die niemand einfach anzusprechen wagt. Es verbietet sich von selbst. Ihre Bewegungen waren ruhig und sicher, sie sprach nur das Nötigste und strahlte Autorität aus. Ich bewunderte in ihr den Typus, nicht sie als Person. Das hat mir vor Jahren die verschwundene Frau beigebracht: in einem Menschen die Gestalt zu sehen. Dasjenige, was immer bleibt, auch wenn die einzelnen Repräsentanten kommen und gehen. Ich sah in ihr aber nicht „die Bartenderin“, sondern die Autorität der strengen Schönheit. Wegen ihr dachte ich vielleicht, daß wir unangemessen gekleidet seien. Sie veredelte das Foyer, das eine Bar war mit lärmenden Spaniern oder Amerikanern und ein paar versprengten Deutschen. Sie machte den Raum zu einem Salon. Angemessen wäre gewesen: heller Leinenanzug mit Weste, feine Halbschuhe, eine gute Zigarettenmarke (Spepheard’s Hotel), dazu unser kostbares Gespräch über Literatur und das Leben. Selbstverständlich in umgekehrter Reihenfolge.
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