Was spricht aus mir, wenn ich spreche? Wer oder was denkt sich durch meine Gedanken? Einmal vorausgesetzt, daß wir nicht allein die Urheber unseres Denkens und Fühlens sind, sondern Fortsetzung, Weiterführung, Bruch. Gehören meine Gedanken mir? Die Wörter gehören allen Teilnehmern der Sprache. Wie steht es mit den Gedanken – sind sie frei? In meinem Kopf organisiere ich meine Welt und Wirklichkeit, doch welche Problemlagen ich denkerisch zu bewältigen habe, entzieht sich meiner Verfügungsgewalt. Allerdings kann ich ein Problem kurzerhand leugnen oder ignorieren. Es wird sich aber in Erinnerung bringen. Nicht ich habe meine Probleme gewählt, sie haben sich mich ausgesucht. Denn ich lebe in der langen Flucht einer Familiengeschichte, die sich durch mich fortsetzt und vielleicht nach einer Art Zwischenlösung strebt. Nehme ich an.
Ich denke dabei nicht an lange Korridore mit einer Ahnengalerie wie in Rilkes Malte Laurids Brigge. Ich fühle mich nicht einmal von ihnen beobachtet, erst recht nicht bewertet. Alle meine toten Vorfahren sind mittlerweile entspannte Leute. Sie haben das Ihre getan, ich tue das Meine. Diejenigen, die ich noch selbst erlebt habe, kann ich mir einzeln aufrufen und sie um ihre Meinung bitten (falls sie eine haben). Übereinstimmend zucken sie mit den Achseln und geben mir zu verstehen, daß sie nicht so recht wissen. Schönes Spiegelverhältnis: Ich weiß selbst nicht so recht. Erfüllt habe ich mich nicht, das ist wahr. Eher zurückgehalten in fast allem. Ich unterstelle, daß diese Zurückhaltung gute Gründe hat, und wandere weiter. Weiß nicht, was soll es bedeuten. Ahne jedoch ein wenig. Es ist nicht ganz einfach. Doch für wen ist es einfach?
Immerhin kenne ich mein Lebensthema. Beobachte ich andere, meine ich einiges erkennen zu können. Die meisten leben recht unversöhnt, scheint mir. Ich denke kurz nach: Ja, eine leichte Mehrheit meiner Freunde lebt ein wenig unversöhnt. Ich frage mich, ob die Versöhnung etwas mit dem Alter zu tun hat. Ich kenne jedoch Ältere und Alte, die leben noch immer im Zwist mit ihren Vorfahren. Wenn sie sprechen, geistern Gestalten durch den Raum. Manchmal wird es unheimlich. Vermutlich muß jeder einzelne Tote von uns selbst bestattet werden. Ruhe in Frieden hat eine tiefere Bedeutung. Mit dem Ende eines Kapitels endet nicht der Roman. Die Motive ziehen sich durch die Leben der Figuren, leiten und führen sie. Manchmal möchte man hinaus. Das wird gestattet. Der Roman wird ja fortgesetzt.
Ob aber jemals ein Mensch etwas ganz und gar Neues und völlig Unabhängiges war oder sein wird? Das ist unvorstellbar, trotz Buddha und Jesus. Das Bedingte ist das Menschliche. Erst daher die große Wertschätzung, wenn jemand sich überwindet und aus dem Gestrüpp der Abhängigkeiten arbeitet, Stück für Stück oder in einem jähen Sprung der Erkenntnis. Dies gelingt nicht durch Leugnung, nur durch Anerkennung. Sonst bluten die Abrißstellen. Das schwächt und schadet dem Vorhaben. Einige müssen sich auf diese Weise freikämpfen. Ein interessantes Motiv des Romans. Andere haben es zuvor schon probiert. Sie gelangten hierhin und dorthin. Durchs Fernglas sah man ihnen nach. Ob sie zurückkehrten? Rückkehr ist selbstverständlich ein beliebtes Motiv. Geschmackssache.
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