Typische Küchenszene: Nehme ich heute den blauen oder den grünen Becher für meinen Mittagskaffee? Beide sehen gut aus, beide passen zu einem freien Samstag mit jeder Menge Zeit für Gedanken und kleinere Ausflüge. Beide haben mich durch die sieben festen Wohnungen meines Lebens begleitet und sind heil geblieben. Sie stammen aus dem Elternhaus und sind mindestens fünfzig Jahre alt, vermutlich älter. Der eine Becher ist taubenblau, der andere senfgelb. Sie sind Zillinge, Fabrikate einer Produktion. Der Stempel auf der Rückseite des Bodens zeigt an: Staffel Limburg, Echt Dom-Keramik. Die Szene zeigt mir, daß mich weiterhin Kinderfragen quälen. Da sie wiederkehrend ist, gleicht sie einem Ritual: dem der Einstimmung auf den Tag. Ein senfgrüner Tag verläuft anders als ein taubenblauer, das leuchtet sofort ein. Sie zeigt mir zweitens, daß ich entscheidungsschwach, und drittens, daß ich einem magischen Weltbild verhaftet bin, demzufolge bestimmte Gegenstände die geheimnisvolle Kraft besitzen, ein Gelingen oder Mißlingen zu bewirken. Talismanen wird eine solche Kraft zugeschrieben. Menschen, die Talismane tragen, werden liebevoll belächelt. Wenn’s hilft … Ich werde im Lauf des Tages vergessen haben, daß es der taubenblaue Becher war, aus dem ich getrunken habe. Ich werde sogar vergessen, daß es diese kleine Frage gab. Damit ich sie nicht vergesse, schreibe ich diese Zeilen. Da fällt mir ein, daß man Kinder mit Fragen wie diesen quält, indem man ihnen dauernd Entscheidungen abverlangt und ihren Willen dort beansprucht, wo er nicht gebraucht wird: Möchtest du lieber die gelben oder die grünen Gummistiefel? Magst du die Buntstifte oder die Filzer mit zu Oma nehmen? Statt ihnen die grünen Gummistiefel hinzustellen, die Buntstifte einzupacken und die Filzer zu vergessen. Da äußert sich gut gemeinte Mitbestimmungspädagogik und richtet Schaden an. Die Kinder werden vor Alternativen gestellt, die für sie im jeweiligen Augenblick gar nicht existieren. Sie werden sich mit der ihnen eigenen Entschiedenheit zu Wort melden, wenn ihnen die gelben Gummistiefel besser gefallen. Erwachsene basteln Probleme für ihre Kinder. Das ist ebenso scheußlich wie unnötig. Erwachsene sollen sich gefälligst selbst Probleme basteln. (Ich mit meinen beiden Bechern bin munter dabei.) Die Erwachsen tun das übrigens auch, um sich aus der Verantwortung zu stehlen. Das Kind wurde gefragt, da kann es sich später nicht beschweren. Mein Lieblingssatz: Wir hatten doch abgemacht, daß … – Wer hat da was beschlossen und es Abmachung getauft? Ein Gutes hat dieser Blödsinn: Die Kleinen lernen, daß es bei einem Machtgefälle keine echte Mitbestimmung geben kann, sondern nur das Bild einer solchen. Ein Schlimmes hat dieser Blödsinn: Sie lernen, daß einem mit der Sprache Fallen gestellt werden. Du bekommst das Eis nur, wenn du nachher brav deine Hausaufgaben machst. Erstmal das Eis sichern, nachher kommt später, denkt sich das Kind und zeigt, wie realistisch es ist. Doch was hat eigentlich das Eis mit den Hausaufgaben zu tun? Frage an die Eltern, die schon wieder einen Deal einfädeln.
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