Wohnen nach Minima Moralia Nr. 18

Der berühmteste Adorno-Satz aus den Minima Moralia lautete in einer früheren Textfassung: „Es läßt sich privat nicht mehr richtig leben.“ ‚Richtig‘ im Sinne von: moralisch einwandfrei, vollkommen oder auch nur „individuell angemessen“. In der Reflexion, der das Zitat entstammt, handelt der Autor über das moderne Wohnen, das nach zwei Weltkriegen, in ihrer Grundsubstanz zerstörten Städten und den Konzentrationslagern nur noch ein temporäres Hausen gestatte. Die sogenannten Wohnungen seien nach dem Tod des Hauses „Asyl für Obdachlose“, nichts Sinnvolles könne mehr repräsentiert werden: „es gehört zur Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein.“ Es herrsche eine „lieblose Nichtachtung der Dinge, die notwendig auch gegen die Menschen sich kehrt“, hervorgerufen durch die „Fülle der Konsumgüter“, die das Verhältnis des Individuums zu seinem Eigentum grundlegend in Frage stelle. Zwar könne man noch besitzen und an seinem angeblich persönlichen Besitz festhalten, jedoch nur noch schlechten Gewissens: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Heute wird die Frage nach der Möglichkeit eines guten Lebens anders beantwortet. Noch immer kreist sie sich um das Verhältnis von individuellem und kollektivem Leben. Daß man wieder angemessen und repräsentativ wohnen kann, wird das neubürgerliche Lager vehement vertreten. Man baut ihm landauf landab Quartiere mit Blick auf Berge, Flüsse, Seen. Es kümmert die Neubürgerlichen nicht, daß es sich dabei um „von Sachverständigen für Banausen angefertigte Etuis“ (Adorno) handelt – sie merken es nicht einmal. Dabei repräsentieren sie den Schwund, wie die Generationen vor ihnen. Von einem schlechten Gewissen ist jedoch nicht mehr die Rede. Das Gewissen ist so rein wie nie zuvor. Man hat hart gearbeitet, sich das verdient. Von nichts kommt nichts. Kleinbürgerliche Phrasen derer, die sich einer Elite zugeordnet sehen möchten. Auf dem mit Terracotta-Töpfen gesäumten Balkon steht das Luxus-Rennrad oder es lehnt im Büro an der Wand, ein Gegenstand der Anbetung und Verehrung wie einst das Schaukelpferd im Kinderzimmer. Fast schön süß.

Vermutlich ist Wohnen noch idiotischer geworden. Zusammengehamsterte oder ersteigerte Antiquitäten neben Stahlrohrglasmodernismen und -orgasmen. Der repräsentative Blumenstrauß in der repräsentativen Vase auf dem Glastisch ohne Flecken, die Bildbände im weißen Baushaus-Regal, Druckgraphik an den Wänden, nichtssagend wie fast alles in diesen weißen Instant-Luxusapartments. Dort wohnen nette Leute, nett zu Ihresgleichen. Zu dumm, daß die Gegenstände sprechen. Das ganze Ambiente spricht. Man kann alles erkennen und diese Leute auslesen, bis fast nichts mehr bleibt von ihrem Individualitätsdesign. Übrigens gibt es gar keine Geheimnisse. Wen interessieren die Wünsche von Loft-Bewohnern? Auto, Urlaub, Restaurantbesuch, passendes Internat für die Kinder, Friseurtermin, Manufactum-Qualität, Verabredung mit Schulfreundin, am besten noch verschwiegene Dates, Teufel auch, man ist so verdammt attraktiv, alle sind neidisch.

Schöner wohnen war eine Offensive der sechziger Jahre. Das gleichnamige Magazin erscheint seit 1960, neun Jahre nach Minima Moralia. Die eigene Wohnung bleibt das Gefechtsfeld Nr. 1 in Deutschland und kennt die unterschiedlichsten Kombattanten. Ich zähle sie nicht auf. Es geht um Lage, Alter, Umfeld, Preis, Schnitt, Zustand, Ausstattung, Komfort, Ambiente, Image, Einrichtung. Das Nest, die dritte Haut, ein Ort zum Wohlfühlen und Auftanken. „Hier bin ich ganz bei mir, dies ist meine Traumwohnung“, nur das Draußen stört noch ein wenig. Schnell mal die Störenfriede anzeigen. „Eigentlich ist alles perfekt, nur daß die Nachbarn etwas nerven. Die …“ Ich verlasse an dieser Stelle das Schlachtfeld, um den Mauerseglern nachzuschauen oder um die Häuser zu ziehen oder gar nichts zu tun. Ich halte nichts von gut eingerichteten Wohnungen, das ist deutlich geworden. Ich habe in solchen Wohnungen auf der Stelle Schwierigkeiten zu denken und zu sprechen. Mir fällt nichts mehr ein. Ich bin gehemmt wie ein Stotterer oder Neurotiker. Mir schmeckt nicht einmal das Essen. Ich will nichts wie raus. Offenbar eine Überempfindlichkeit.


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