Am Boden die Bücher und Helden

Auf dem Boden stapeln sich die Bücher und legen Staub auf. An einige von ihnen hatten sich größere Erwartungen geknüpft. Tom Wolfe, Das bonbonfarbene tangerinrot-gespritzte Stromlinienbaby, eine Hymne an die proletarische, weltumspannende Pop-Kultur aus der Feder eines Mannes, den sie Mr. Zeitgeist nannten, der so cool wie Hunter Thompson schreiben wollte und heute ein alter Snob im vanille-weißen Maßanzug und tadellos sitzender Krawatte ist, der sich alle sechs bis acht Jahre einen vielhundertseitigen Roman abquält, Autor von Fegefeuer der Eitelkeiten usw. Auf der Rückseite des rororo-Buches steht geschrieben: „Ein Fanfarenstoß für die Revolution der Teenager und die neue Pop-Kultur, die hierzulande den Vertretern des kulturellen Establishments in die Glieder fahren und die Jugend in ihrem Form- und Lebensgefühl bestärken wird.“ Bei Rowohlt war man schon immer clever und geschäftstüchtig, erkannte Trends und beschritt konsequent den angezeigten neuen Weg. Vor ein paar Jahren las ich Wolfe’s Schilderung der 1964er Reise der Merry Prangsters und Ken Kesey in einem buntbemalten Schulbus von San Francisco nach New York: Der Electric Kool-Aid Acid Test. Die Mission der Gruppe lautete: die Menschheit aufzuklären und zu erlösen; ihr zu ermöglichen, die wunderbringende Wirkung von LSD zu erproben; zu beweisen, wie friedfertig-kreativ ein Leben ohne Zwang sein kann. Mit an Bord die Grateful Dead und Neal Cassady, der Cheflenker legendärer Tag-und-Nachtfahrten kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten, Inspirationsquelle, Lustobjekt und bewunderter Heiliger aus der Gosse, der sich den Prangsters anschloß, als seine Beatnik-Freunde allmählich gesetzt wurden und nicht mehr dauernd unterwegs sein wollten. Im Februar 1968 ging er nach einer Hochzeitsfeier in Mexiko in die Nacht hinaus, folgte dem Bahndamm, hatte zu wenig an, wurde am nächsten Morgen gefunden, lag im Koma, verstarb. Todesursache Alkohol und andere Drogen. Jack Kerouac folgte ihm ein Jahr später, ausgezehrt durch Alkohol und andere Drogen. Da liegt auch Wolf Wondratschek, seine Reportagen unter dem Titel Menschen Orte Fäuste. München-Schwabing-Autor, ein paar Jahre lang auf der Höhe eines Schreibens, das nicht bloß Literatur ist. Ganz unten liegt Thomas Wolfe, Schau heimwärts, Engel. Natürlich „ein Jahrhundertroman“, ich kaufte ihn in der Buchabteilung des KaDeWe, draußen regnete es, ich war verliebt und wir fuhren mit dem Bus. Da liegt noch eine Menge mehr auf dem Boden. Das soll da erstmal liegen bleiben. Ich habe dies nur geschrieben, weil ich heute wieder etwas schreiben wollte. Zunächst fiel mir Tom Wolfe ins Auge, um endlich bei seinem übergroßen Namensbruder zu landen, eine Generation älter als Tom, früh verstorben, 1938, Tuberkulose. Da liegen Evelyn Waugh, Walt Whitman, Jules Verne und andere nicht einsortierte Autoren der Buchstaben V und W. Sogar ein Buch von Martin Walser, Über Deutschland reden. Wollen wir aber gar nicht mehr. Stattdessen Vauvenargues: „Die Verzweiflung ist der größte unserer Irrtümer.“


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