Es ist noch Nacht und bereits früh, die Vogeluhr ist angesprungen, die ersten Sänger bieten dar. Ich überfliege alte Einträge auf diesen Seiten und stoße auf das Wort ‚Kopftuch‘. Derzeit sind es die Hotpants an einer Schule in Horb (Schwarzwald), die die Gemüter erregen, doch ich möchte die Nachtstunde nutzen, um über das Kopftuch zu sprechen. Ich komme vom Land. Auf dem Land trugen alle Frauen in meiner Kindheit während der Feldarbeit ein Kopftuch. Die Großelterngeneration zeigte weiblicherseits niemals langes, offenes Haar. Es war zum Dutt gebunden oder geflochten, von einem Netz gehalten, jedenfalls gebändigt und am Kopf anliegend, ganz gleich, wie lang es wirklich war. Die Männer trugen den Kurzhaarschnitt des 20. Jahrhunderts wie Krieger, Sportler, Fabrikarbeiter, bedeckten jedoch ebenfalls ihr Haupt. Zur Arbeitstracht gehörte die Schirmmütze, ein schmalkrempiger Hut, wie ihn eine Zeitlang die jungen Männer trugen, die auf dem letzten Stand waren, oder ein Strohhut. Beides hielt man für schicklich. So war das, ich erinnere mich gut, ist auch nicht schwierig. Seit etlichen Jahren nun wird ‚das Kopftuch‘ in Deutschlands Städten und Gemeinden diskutiert, als sei es ein Symbol importierter, uns unbekannter, jedenfalls kulturfremder Unterdrückung und Unterwerfung der Frau. Das ist nicht nur ungerecht, es zeugt auch von großer Vergeßlichkeit. Ich habe mich damals nicht daran gestört und lasse mich auch heute nicht stören – ganz gewiß nicht von einem Kopftuch. Ich vermisse Zylinder im Stadtbild. Wo bleiben die Turbane? Bauhelme sind selten geworden. Wofür steht denn eine Basecap, ein militärisch geschnittener Fahrradhelm mit Fleckentarnung, eine Sonderkommando-Wollmütze? Lassen wir doch bitte einmal die Leute in Ruhe. Dazu gehört, daß sie ihre Konflikte selbst lösen dürfen. Aufgeklärte Leute sind lästig, wenn sie missionieren möchten. – Wir sollten vermehrt über unbehaarte Beine sprechen. Ein Akt der Selbstunterdrückung, wie deutlich sein dürfte. Es besteht erheblicher Aufklärungsbedarf. Welche Fraktion des Aktionsrates der permanent fortschreitenden Befreiung des Menschen macht den Anfang? Ein großes Thema, sehr wichtig, sehr aktuell, leider noch nicht ausreichend kommuniziert. Vermutlich sind die Rasierklingenfirmen schuld. Die pfeifen auf dem letzten Loch (Comeback der Bärte) und betreiben aggressive Lobbyarbeit.
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