Paternoster oder Dem Umlauf gewachsen

Mein Lieblingsstreitthema der letzten Wochen war der Paternoster, im Amtsdeutsch Personen-Umlaufaufzug genannt. Als ich las, er solle abgeschafft werden, da es zu Unfällen gekommen sei, mußte ich sehr lachen. Von irgendwoher der Vorschlag, man könne die letzten 240 Aufzüge (mehr sind es hierzulande nicht) weiter in Betrieb halten, sofern die Menschen, die sich von ihm befördern lassen wollen, eine offizielle Einweisung erhielten. Paternosterführerschein. Worin bestünde die Einweisung? Daß die Fahrkabine nicht auf der Etage stoppt, sondern weiterfährt, dürfte jeder erkennen, der sich die Zeit nimmt, das Gerät und seine Funktionsweise satte zehn Sekunden lang zu studieren. Steigt man nicht rechtzeitig ein, hebt also nicht rechtzeitig sein Bein, um es auf den Kabinenboden zu setzen und einen beherzten Schritt zu tun (zweites Bein hinterher, wie beim Gehen), ist die Kabine kurz darauf schon in Bauch- oder Brusthöhe. Man steigt dann nicht mehr ein. Ist die Kabine bereits besetzt, bleibt man ebenfalls stehen, denn die nächste kommt sofort – anders als beim Fahrstuhl (Ein-Aufzug-pro-Schacht-System). Springt man beim Aussteigen aus zu großer Höhe, bricht man sich ein Bein oder schlägt sich den Kopf an der Decke ein. Ja, was denn sonst! Man kann mit dem Ding auch ganz nach unten oder oben fahren, hinauf und wieder hinunter, denn die Kabinen werden weder im Keller noch auf dem Dachboden zusammengefaltet, sondern fahren einfach rund und rund und rund. Ist man erneut auf der anvisierten Etage, macht man diesmal den Schritt rechtzeitig und darf sich freuen, der Höllenmaschine des technischen Fortschritts entsprungen zu sein. Treppenhaus steht jedem frei. Man kann sich auch in die Öffnung des Schachts werfen, wenn einem danach ist. Man kommt nicht weit. Eine Kabine folgt der anderen. Alles regeln – blödes Land, blöde Leute. Ansonsten können wir hier natürlich weiterhin alles. Doch diese Polemik kann ich mir sparen, denn viel wichtiger ist die Erkenntnis, daß der Paternoster ein Lebensprinzip gegenständlich und bildhaft macht, nämlich das Gesetz, daß für jede Einheit, die aufsteigt, eine andere nach unten muß. Alles permanent in Bewegung, ohne Komfortstopp und Tür-auf-Tür-zu und Klingelton pro Etage. Paternoster, das ist Fallschirmspringen für Arme. Man muß am Transportschacht Rücksicht nehmen und zusätzlich auch noch mitdenken. Nicht ganz einfach, eine Benutzererlaubnis zu ergattern, schätze ich. Treppenhaus steht jedem frei. Paternosterfahren: ich könnte es stundenlang tun, nur um mitanzusehen, wie sie ein- und aussteigen in dieses metaphysisch-physische Gebilde unerhörter Belehrung über den Sinn des Ganzen und die Harmonie.


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