Wahrheit wo?

Licht der Lüge? Das wird man falsch verstehen, denke ich meinem jüngsten Eintrag hinterher. So ist das mit den Kindern, den Geschöpfen des geglückten Augenblicks. Man möchte ihnen noch etwas nachrufen oder zustecken, da sind sie schon über alle Berge und munter davon, ausgestattet wie sie nun einmal sind, und sicher fehlt jede Menge zur Perfektion. Scheiß auf die Perfektion, sie ist so langweilig. Man staunt sich müde. Zum Licht der Lüge möchte ich folgendes anmerken: daß es sich doch von selbst versteht, wenn man nur einen kurzen Augenblick nachdenkt. Ich habe es nicht böse gemeint, wirklich nicht. Aber Licht der Wahrheit – das sagt man doch bestenfalls noch vor Gericht als Staatsanwalt. Alles, was sich sehen lassen kann, stimmt nicht so, wie man es sieht. Das wollte ich sagen. Hebt man einen Stein oder eine Gartenwegplatte, fangen die gerippten grauen Käfer sofort an zu krabbeln. Das tun sie im Licht, nur des Lichtes wegen. Sonst sitzen sie da nur im Dunkeln und lauern oder kauen oder träumen. Sie täuschen uns eine Bewegtheit vor, die eigentlich gar nicht existiert. So haben Menschen in Wahrheit (Vorsicht!) vielleicht gar keine Ziele. Sie möchten am liebsten nur irgendwo in Ruhe sitzen oder liegen und träumen. Von Zeit zu Zeit ein kleiner Spaziergang, eine Runde Monopoly oder Schach mit Freunden, etwas essen und trinken, dann wieder zurück. Ein unaufgeregtes, ressourcenschonendes Leben führend. Auch die Jäger und Sammler benötigten für den Lebenserhalt und -unterhalt nicht mehr als täglich vier Stunden Zeit, sagen Forscher. Der Rest war frei für Unterhaltung, Spiel, Gesang, Erzählungen, Kindererunterweisung und entspanntes Dösen und zweckfreies Sinnen (Meditation). Dann trat der Mensch in die Geschichte. Fanfare, Tusch, Trommelwirbel, Marschschritte, Fahne hoch, Lanze vor. Kein Idyll, sondern fortan reinstes Schauspiel: Menschen spielen einander etwas vor, zeigen sich, wie sie nie sein möchten, ums Verrecken nicht, simulieren Begeisterung oder auch nur Interesse, exponieren Ehrgeiz und Streben, lachen mit dem Vorgesetzten, sind künstlich bis zur Hysterie, werden eifersüchtig, mißgünstig und intrigant, boxen sich durch, treten nach, täuschen und tricksen, ergattern sich einen minimalen Selektionsvorteil oder manipulieren die Papiere. Und das alles nur, weil wir uns permanent beobachten und zensieren nach Maßgabe sogenannter verbindlicher Ziele, Zwecke und Werte. Für die hecheln wir, für die heucheln wir auch, gnadenlos. Niemand will draußen stehen, niemandem ist das gestattet. Penner dürfen das, sonst keiner. Und so treiben wir es munter weiter mit unseren sogenannten Ambitionen, lancieren unsere unsterblichen Karrieren, die uns an die Seite Gottes katapultieren und unsere blöden Egos aufblähen, bis sie platzen unter dem Beifall der Menge, die die Großen benötigt, um zu sehen, daß die auch bloß Menschen sind. Etwa das meinte ich mit Licht der Lüge. Dabei sind wir eigentlich schön.


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Wahrheit wo?

Ein Gedanke zu „Wahrheit wo?“

  1. Hartmut schreibt:

    du hast es begriffen, Holger
    natürlich, für den antiken menschen war nur die muße das wahre leben
    (allerdings in einer sklavenhaltergesellschaft, aber hatten es alle sklaven schlecht? wo sind wir moderne aufgeklärte menschen vielleicht auch nur sklaven?)
    das ausgebeutetwerden staatlicher- und unternehmerseitig ist ein unterschichtphänomen (phänomenologisch, nicht sozial betrachtet)
    es gibt bei dir eine geistige verwandtschaft zu Ernst Jünger, oder würdest du das verneinen?
    „eigentlich“ bist du elitär gesonnen
    aber das schöne bei dir ist, dass du es mit einer großen liebe zu deinen mitmenschen und dieser schöpfung vereinst
    das ist dann doch der unterschied, bei Jünger ist so vieles nur kalte betrachtung

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