Nach Spandau. Das Versprechen

Einer saß frühmorgens auf der häßlich-gemusterten Dreiersitzbank eines Altmodells von U-Bahnwaggon (innen grau, außen eidottergelb) eingequetscht zwischen einer Jungen, die auf ihrer Playlist den Titel für eine Fahrt ohne Hoffnung suchte, und einer Älteren, die Sudoku-Zahlenkombinatorik betrieb. Beide Beisitzerinnen zum Glück äußerst vertieft, nahezu apathisch. Die Zahlen und ich, ich und ein Lied, wir suchen einander frühmorgens im Zug. Zum Glück außerhalb unseres Innerhalb, der Enge dieser billigen Notunterkunft für stehend oder sitzend Reisende unterhalb der Erdoberkante. (Wo ist denn bitte der Komfort, von dem hier dauernd gefaselt wird, seit wir die Leibeigenschaft aufgelöst haben vor hundertfünfzig oder noch mehr Jahren! Ich verspüre wenig Komfort, nur die Kosten des Komforts.) Denn er telephonierte, und seine Ansage, die nur ich hörte, da alle anderen was auf den Ohren hatten, war die Ankündigung einer Abstrafung: „Warte, bis ich nach Hause komme … Ja, dann können wir reden. Ich freu mich schon drauf … Ja, dann reden wir. Ja, ich glaube auch, daß es höchste Zeit ist. Kannst dich schon drauf freuen …“ Er kochte, er drohte, er schnaufte innerlich, er blieb sitzen, er hätte töten mögen, säße er nicht in dieser verfluchten Untergrundbahn nach Spandau und müßte zur Arbeit. Schläge wird es hageln, dachte ich, fühlte ich, neben ihm, vor ihm stehend, diesem mittelalten Mann mit T-Shirt und dünnem Schnurrbart und dem Blick eines beleidigten Halbirren, der bereit war, sich zu vergessen, da er nicht wußte, daß ihm jemand zuhörte in dieser, trotz alles angeeigneten Autismus‘ (Streßreaktion des Individuums auf Überreizung), doch noch sinnestauglichen Fahrgesellschaft am Anfang eines Tages, den er unheilvoll zu beenden versprach. Ich versuchte erst gar nicht, mir seine Freundin oder Frau vorzustellen, denn ganz sicher sprach er nicht mit Tochter oder Sohn. Er war verletzt, er blutete diese dummen, abscheulichen Drohungen aus. Als er aufhörte zu sprechen, klingelte es erneut. Die Lage verbesserte sich nicht. Er wiederholte die Sätze wie eingelernte Formeln, gelernt bereits als Kind. Wie er reden intonierte, als sei das ausschließlich eine Sache der Schlaghand. Als auch dieses Gespräch vorüber war, geriet er in eine nur unter größter Mühe bewältigte Schnappatmung. Er stierte in das Nichts des Waggons, sah gar nichts, nur verschwimmende Farben und Formen. Er bemerkte nicht, daß ich ihn beobachtete, ihm zuhörte und zuende dachte, was er soeben begonnen und angekündigt hatte. „Warte, bis ich nach Hause komme …“ Derweil lief der nächste Song oder noch einmal der liebste, eine Zahlenreihe war gelöst oder nicht, wir alle waren fünf Stationen weiter, ich stieg aus, er blieb sitzen. Einmal Spandau und zurück.


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