Kleckert

Die U-Bahn ist auch morgens um halb zehn voll, sogar noch voller als gegen acht Uhr. Ich bekomme nur noch einen Stehplatz, muß Arm und Hand sehr ausstrecken, um an eine Haltestange zu kommen. Wir stehen dicht an dicht, das U-Bahnfernsehen zeigt die Wetteraussichten: Klatsch, Tratsch, auf Schlagworte verdichtete Neuigkeiten aus der Politik und Werbung. Ich halte in der freien Hand einen Gegenstand des täglichen Gebrauchs, mit dem ich mich nicht identifizieren möchte, den ich jedoch schätzen gelernt habe: einem Thermosbecher für heißen Kaffee. Nun kaufe ich meinen Kaffee für die Fahrt, der mich auf bessere Gedanken bringen soll und wirkungsvoll ablenkt, denn ich habe etwas zu tun (trinken nämlich), nicht mehr am Stand unten im Schacht, spreche nicht mehr mit der Verkäuferin, die mir sogar eine Rabattkarte verliehen hat, da ich ja ein treuer Kunde sei. Ich bekam nach zehn kleinen Kaffee im Pappbecher (1,20 Euro die Portion) einen geschenkt. Ich höre sie noch: Sehen’se, soll schnell geht das. Sie sagte auch immer: Mit Milsch, ja? Dann sah sie mich nicht mehr wieder, denn ich kaufte mir in der Zwischenzeit für 6,99 Euro einen Thermosbecher und trage nun meinen selbstgebrühten Kaffee mit mir, die Straße entlang, die Stufen hinunter, in die Bahn. Heute morgen stehe ich zwischen den anderen Fahrtgenossen, da sagt der alte Herr zu meiner Linken auf der Dreiersitzbank: „Kleckert.“ Er sagt nur dieses eine Wort: Kleckert. Ich schaue ihn an, ahne, was er meint, frage (aus Verlegenheit): „Kleckert es sehr doll oder ist es nicht ganz so schlimm?“ Er deutet mit der Hand auf den Boden. Ich sehe ein paar braune Tropfen auf dem grauen Belag. Auch meine Hand ist etwas feucht, beides nicht ganz so schlimm. Ich verschließe den Deckel noch einmal gründlich, sage „Danke“ und lächle ihn an. Er nickt ohne Gesichtsausdruck. Er sieht aus wie eine biedere Version von William S. Burroughs, extrem stoisch und unbewegt. Er sitzt dort unter mir auf der Dreierbank wie einer, der alles weiß und dem nichts entgeht. Wahrscheinlich durchschaut er mich, hat Typen wie mich schon oft erlebt: Kommen in den Waggon, kleckern alles voll mit ihren undichten Thermosbechern und merken nicht mal, daß es kleckert. Er trägt die Farben eines Rentners, beige, braun und grau. Er ist ein Profi, er ist so alt wie die Welt.


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