Deutschland, ein Ingenieurstraum mit Assistenz

Sie ertragen die Wildnis nicht, die stößt sie ab. Etwas muß in ihnen zum Schwingen kommen, laut und unerträglich, bis sie endlich handeln und das Wuchernde und Wilde wegschneiden. „Jetzt sieht es wieder gut aus“, sagen sie, „vorher, das war ja kein Zustand mehr …“ Sondern was? Ich möchte nicht penetrant sein, doch was stört diese alten Leute am Anblick wild wuchernden Lebens? Die Jüngeren nämlich stört es nicht, und ich mag es.

Ich setze nach, denn es interessiert mich wirklich. Ich denke, durch mein fragendes Bohren gelange ich zur Quelle. Ich möchte eines Tages die Bundesrepublik Deutschland, in der ich aufgewachsen bin, verstehen. Als ich ein Kind war, holzten sie alles ab. Obstbäume, jahrhundertealte Eichen, Alleebäume. Die zweite Moderne, die das ganze halbe Land planierte (der Osten war nicht besser), sorgte für Übersichtlichkeit, Sauberkeit, Begradigung, Beschleunigung, Beton. Sie war gegen Gefühl, gegen Romantik, gegen das Alte, gegen die Überlieferung, gegen Erfahrung. Alles wurde neu erfunden: Schulunterricht, Bauen, Wohnen, Arbeiten, Kinderkriegen und Erziehen. Die Welt wurde praktisch, quadratisch, gut wie Ritter Sport. Autobahn von Kraftwerk programmatisch. Alte Häuser – abreißen; alte Bäume – abhacken; alte Menschen – abschieben.

Damals waren die heute alten Leute zwischen dreißig und vierzig Jahre alt. Die Generation des Wiederaufbaus, der Umerziehung und der ersten wirtschaftlichen Erfolge nach dem Krieg. Sie liefen durch die Trümmerlandschaften einst blühender Städte und halfen als Kinder mit beim Steineschleppen. Sie hassen Ruinen, sie hassen Trümmer, sie ertragen Unordnung nicht. Sie leben unversöhnt mit dem alten Leben, der Vergangenheit. Dort hinten liegt ihr Schmerz. Sie haben ihn weggearbeitet, weggeschnitten, weggefegt. In ihnen herrscht die Ordnung der Zwanghaftigkeit. Sie verstehen nicht, daß Jüngere das Wilde und Verwilderte schätzen, es romantisch finden. Sie flohen vor dem Alten, denn es brachte Unheil und Tod. Sie haben sich ein für allemal abgewendet, der Weg führt strickt nach vorn.

„Das olle Zeug, was willst du denn damit?“ wurde ich gefragt, wenn mir eine alte Taschenuhr gefiel oder eine Postkarte aus den zwanziger Jahren. Sie sind die Vertreter der Wegwerfgesellschaft, zum Ausgleich gönnen sie sich saubere Volksmusik ohne den Dreck echter Kuh- und Schweineställe oder werden rührselig beim Anblick eines lustigen Fünfziger-Jahre-Wir-sind-harmlos-Programms von Heinz Erhardt. Sie möchten nicht wissen, wie das Leben wirklich ist (sein kann), denn sie haben es erlebt und die Folgen besichtigt.

Zur Hälfte verstehe ich sie und ihr entsetzliches Treiben, nur zur Hälfte. Der unbegreifliche Rest macht mich fassungslos. Vielleicht sollte man in ihre Wohnungen stürmen und die Bilder von den Wänden nehmen und die Topfpflanzen einsammeln und die Teppiche einrollen und ihnen erklären, daß es unhygienisch sei, sich derart verschnörkelt einzurichten. Ach, sie sterben ja bald alle, und niemand hat je mit ihnen tauschen wollen. Sie machten den dreckigen Job des Aufbaus. Sie haben ihn nicht anders hinbekommen, sie machten tabula rasa, vertraten den Terror des Auf- und Wegräumens. Kultur- und Naturdenkmäler waren ihnen nichts. Vermutlich bin ich undankbar. Aber bitte – wie sieht denn dieses Land aus? Ich wiederhole mich: Parkplatz, Industriegebiet, Einkaufscenter. Füge hinzu: Legoland für junge und alte Rentner und sonstige Frühvergreiste. Wer hier nicht halb verrückt wird, hat nichts zu bieten.


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