Es gibt ein Buch, das etwas von dem enthält, was ich herauszufinden und auszudrücken versuche. Hans-Jürgen Syberberg hat es geschrieben, der Filmemacher, der mit seiner Trilogie über Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König (1972), Karl May (1974) und Hitler, ein Film aus Deutschland (1977-80) den nationalen Mythenschatz inspizierte, der zutiefst romantisch ist, sehnsuchtsvoll und abgründig böse. Das Buch trägt den Titel Die freudlose Gesellschaft und erschien 1981 bei Hanser. Ich las es Anfang der neunziger Jahre, denke ich. Diejenigen Passagen, die mit der Aufnahme seines vierteiligen Hitler-Films durch eine ratlose, genervte oder unfreundliche deutsche Filmkritik zu tun haben, sind heute nur noch von zeithistorischem Interesse. Andere umkreisen etwas, das ich noch heute wahrzunehmen meine: ein Land, das sich ohne Not der Häßlichkeit verschreibt, mißgünstige Menschen, schnelles Aufglimmen eines zuweilen entsetzlichen Hasses, Abgründe an Frustration, Racheakte der Enttäuschung und Enttäuschten, Humorlosigkeit der politischen Akteure, Fortschritt als Akt der Heimatzerstörung, Selbsthaß als ein (allmählich verblassendes, so mag zu hoffen sein) Charakteristikum der Deutschen, mangelnde Gastfreundschaft, da man bei sich selbst nicht zuhause ist, Geschichtsvergessenheit, die sich mit Vergangenheitsbewältigung besänftigt und tarnt. Diese Stichwörter nur aus der Erinnerung. Vieles mehr steht in jenem Buch, das allerdings darunter leidet, daß sich ein unverstandener Filmautor eine Spur zu wichtig nimmt. (Er sieht im Umgang der deutschen Öffentlichkeit mit seinem Werk ein symptomatisches Versagen, das die Ignoranz und den Dilettantismus der Kritik und des Geisteslebens aufzeigt.) Am liebsten waren mir jene Passagen, in denen er fern von Filmen und Debatten über Filme irgendwo in einem abgelegenen Tal der Alpen in einem alten Bauernhaus lebt. Er schreibt dort und zeigt, was etwas wert ist und warum, ganz gegenständlich, sehr anschaulich. Ein gut gebauter einfacher Tisch, ein Stuhl, ein Bett, ein Fenster in einem Haus, dessen Wände deshalb so dick sind, weil es im Winter kalt und im Sommer warm ist. Gegenstände des täglichen Gebrauchs, die lange halten müssen, denn so war es immer, Geld ist wenig da, Modisches ist nicht nötig. Notizen aus dem letzten Jahr heißt das Buch im Untertitel. Ich werde es nächster Tage herauskramen und Stellen suchen. Nicht verschweigen möchte ich, daß Syberberg wegen angeblicher Verharmlosung des Nationalsozialismus in Verschiß geriet. Die Feuilletons stachen ihn ab, um das Jahr 1990 herum, als sein Buch (wieder Notizen, Assoziationen, wildes Zeug) Vom Glück und Unglück der Kunst in Deutschland nach dem letzten Kriege bei Matthes & Seitz, damals noch München, erschien. Der wichtigste Hinrichtungsartikel stammte von Frank Schirrmacher, der nun bereits tot ist, während Syberberg als ehemaliger Vertriebener sich des Gutes seiner Vorfahren in Nossendorf, Mecklenburg-Vorpommern, angenommen hat, es renovieren läßt und anzuknüpfen versucht an einen Teil der Geschichte, den die Nazis zubetoniert haben und den die DDR verschwinden lassen wollte. Das klingt abgelegen, doch es führt ins Herz dessen, was mich dieser Tage erneut beschäftigt. Die Frage nämlich, wie ein Mensch in Harmonie mit Menschen, Tieren, Pflanzen und sich selbst leben kann.
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