Es gibt üble Taten, doch viel Schlechtes geschieht auch aus Unüberlegtheit oder Hilflosigkeit. Nun wird die graubraune nackte Erde mit Wasser besprüht, damit wieder etwas wächst. Vor zwei Tagen grünte und blühte es, dann kam das Ausrupfkommando, nun sieht es schlimm aus. Schlechte Idee, in der Zeit der größten Hitze ein Feld komplett abzuräumen. Erst war es zu wild, jetzt ist es tot. Aber schön sauber haben sie es nun. Man erkennt das menschliche Einwirken, die gestalterische Allmacht. Hier herrscht Ordnung, dem Blick steht nichts mehr im Weg. Allerdings benötigen wir noch eine anständige Parkordnung für die Fahrräder.
Sprung vom kleinen in den großen Blödsinn: Mich erinnert das an die großen Programme der sechziger, siebziger und beginnenden achtziger Jahre: Autostraßen ausbauen, Flüsse begradigen und kanalisieren, Plätze zubetonieren; Produktion, Dienstleistung, Handel und Konsum konzentrieren; neue Zentren schaffen auf Kosten der Peripherie und der alten Mittelpunkte des Lebens; Abbau der Infrastruktur auf dem Lande. Modernisierung. Es begann das Plastikzeitalter, die Einwegmentalität kam auf, ex und hopp. Viel praktischer, viel hygienischer, viel besser. Umschulung eines ganzen Kulturkreises. Industrialisierung der Landwirtschaft, Bauernsterben. Die Dörfer nur noch Wohnstätten außerhalb. Dann: Unser Dorf soll schöner werden. Willkommensschilder am Ortseingang, als betrete man einen Luftkurort. Bürgersteige auf dem Dorf, neue Straßenlaternen, ausgeschilderte Wanderwege, Heimatvermarktung. Erst veröden, dann revitalisieren.
Wir haben es überlebt, wir werden es überleben. Die Autostraßen wurden zurückgebaut, die Flüsse renaturiert, Klärstufen reinigen das Wasser, in der Natur darf es wieder entschleunigt zugehen. Doch die Versiegelung der Landschaft geht weiter, die Dörfer ohne Bauern sind Wohngegenden geblieben, die Gärten der Deutschen und ihrer Nachbarn sind Orte des ästhetischen Schreckens und ökologisch wertlos. Da lebt kaum ein Tier, und die Menschen verstecken sich zurecht im Innern ihrer Häßlichkeiten. Klingt das zu bitter, zu einseitig? Ich habe Mitgefühl mit den Menschen, die solches freiwillig wollen und tun. So zu leben, gegen jeden Sinn und Verstand und mit einer Sicherheit jeweils die schlechteste aller Lösungen suchend und findend, daß man nur noch staunen kann. Die Umschulung war erfolgreich, die Sonde drang bis ins Herz.
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