Den Widersprüchen an ihr Ende folgen

Schreiben scheint nicht notwendig zu sein, wenn die Hitze regiert und die Gedanken nur langsam noch kreisen und das Denken erlahmt und an nichts sich binden mag, weil das sicher auch klebt. Wer liest bei solchen Temperaturen? Ich habe gestern gelesen, saß auf einem Hocker an einem Tresen und studierte ein kostenloses Musikmagazin und das aktuelle Kinoprogramm mit zwei Taxi-Filmen, einem Fahrschulfilm, einem Kamelreiterinnenfilm und einem romantischen Western. Es geht demnach gut voran. Ich verlor mich in den Bildern und Texten, las Sätze zweimal, denselben Artikel später erneut, starrte auf die Photographien und verlor mich in Details. Nicole Kidman als Queen of the Desert, ihr Botox-Lächeln, wichtige Vertreterin einer faltenlosen Kultur. Ein Song lief, Heartbreak Warfare von John Mayer, der für sein Album wie ein Teeniestar gefönt wurde, dabei ist er bereits siebenunddreißig. Der Song ist okay. Mayer in seinem Privatleben stets mit Stars liiert, aber jedesmal bloß kurz. Solche Sachen lese ich, passend zu erhöhter Temperatur und erlahmendem Interesse für grundsätzliche Fragen. Ob Klatschgeschichten mir Freude bereiten könnten, weiß ich nicht. Stelle soeben fest, daß mich Musik nervös macht. Es ist zu heiß, um Musik zu hören und zu schreiben. Ich schreibe, weil ich mich etwas langweile. Heute soll Samstag sein, doch es fühlt sich nicht so an. Wie fühlt sich Samstag an? Samstag fühlt sich nach Erlösung an, die Arbeit ist getan, der Abend liegt funkelnd nah. Ich trank zu meinen Endlosstudien in Film- und Musikneuerscheinungen ein Astra-Bier. Die kleine Flasche gefällt mir. Sie schwitzte vor Kälte. Das Bier ist dünn, herb und nahezu aromafrei, eiskalt getrunken genau richtig für einen heißen Sommerabend in der Stadt zwischen aufgeheizten Hauswänden und dem Gejodel der Besoffenen vor dem Spätkauf gegenüber. Eine wilde Truppe findet sich dort manchmal ein, die Strolche aus der Weisestraße. Man könnte mit ihnen eine Serie filmen, sicher ist einer von ihnen Angler, ein anderer hält Schildkröten oder Echsen. Ich könnte endlos so weiterquasseln und verzichte auf Absätze. Eigentlich soll man ja warme Getränke zu sich nehmen. Ich schlage Baudrillard auf, Die fatalen Strategien, Seite 134 (eine häßliche Zahl). Da steht: „Die Liebe ist niemals so schön gewesen wie in den Sagen und Romanen.“ Darüber denke ich nach und bin ratlos. Wahrheit deprimiert mich selten, ich bin gefaßt. Rechts oben (Seite 135) steht: „Man kommt immer wieder darauf zurück: es gibt keine Liebe. Sie sollte existieren können, aber sie existiert nicht.“ Ich denke, daß sie existiert. Nicht weil sie einem Bedürfnis zufolge existieren sollte oder muß, sondern weil in uns diese tiefen Regungen sind. Liebe ist ein kleines großes Wort und ein jeder sucht in sich nach einer Entsprechung. Mehr kann ich angesichts der Temperaturen dazu nicht sagen. Jedenfalls ist sie ein Faszinosum und verlangt zweifellos Glauben. Im Kühlschrank liegt eine angeschnittene Ananas. Die Trommel der Waschmaschine dreht sich, die Maschine verbraucht Wasser. Trinkwasser für die Wäsche, so ist das hier. Der Unterschied zwischen natürlichem und öffentlichem Tagebuch ist erheblich. Das erklärt, was es mit dem Sozialen auf sich hat. Wir sprechen miteinander und tun so, als sagten wir die Wahrheit. Wir sagen die Wahrheit, nur liegt sie nicht obenauf.


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