Wer den Straßen folgt, den führen sie

Fahrt durch einen Tunnel, der mit jedem zurückgelegten Kilometer enger und länger wird. Die Röhre zieht sich zusammen. Ich bin der Fahrer, an Bord schlafen sie. Nicht alle Leuchtstoffröhren im Tunnel funktionieren, einige sind erloschen, andere flackern in unverständlichem Takt. Die Fahrbahnmarkierungen werden unregelmäßig. Die gigantischen Ventilatoren sind offenbar ausgeschaltet worden, denn ich erkenne nur ein letztes langsames Kreisen der Rotorblätter. Als gäbe es keine Luft mehr. Kilometer 17,4. Erst die Hälfte der Strecke. Über uns etwa dreitausend Meter hoch lastender Fels. In diesem Abschnitt ereignen sich die meisten Verkehrsunfälle. Menschen werden unachtsam, nicken kurz ein oder verlieren den Verstand. Die meisten Unfälle hier. Man weiß nicht warum. Ein Magnetfeld, eine Gesetzmäßigkeit langen Tunnelfahrens, Klaustrophobie-Effekte, Ermüdung durch Monotonie, der Wille des Berggeists, sie wissen es nicht. Fast immer genau hier. Nun sind die Markierungen wieder in Ordnung, die Propeller drehen sich, die Lichter leuchten. Ich schaue nach rechts zu den Pfählen, die den Kilometerstand bereits bewältigter Tunnelstrecke anzeigen. Ich lese 18,9. Knapp mehr als die Hälfte. Blick auf die Armaturen. Tank dreiviertel voll, Geschwindigkeit 90 km/h, mittlere Drehzahl, Treibstoffverbrauch, Uhrzeit. Kein Radioempfang im Innern des Bergs. Zum Glück wenig Verkehr. Es ist 15:38 Uhr, bald leuchtet der Süden. Ich habe nur ganz kurz den Namen der Person neben mir vergessen. Hinten sitzen auch zwei, unsere Freunde. Alle schlafen oder tun so. Mein Name ist mir bekannt, ich habe ihn gemocht. Nur noch 14,9 Kilometer bis zum Ausgang. Zu dumm, daß wir keinen Radioempfang haben. Ich rechne nach: in etwa zehn Minuten sind wir durch. Man sollte, denke ich, keine psychischen Probleme haben, wenn man durch diesen langen Tunnel fährt. Lang wird der Tunnel ab Kilomter 12 oder 13. Ein Stück noch läßt sich das ertragen, dann drückt sich alles zusammen, dann entscheidet es. Es ist die Lage, wie sie sich darstellt im Verhalten eines Menschen tief unter der Erde, tief im Berg. Darstellt am Beispiel eines Menschen, der kein Bergmann ist, sondern einfach nur rollt, da er Gas gibt und auf Asphalt nach Süden möchte in die Sonne. Am Ende des Tunnels das versprochene Licht. Schüchternes Auftamen, man weiß nie. Die Geister. Die Beifahrer reiben sich die Augen, gähnen, strecken sich. Ist das Italien? Fast, sage ich. Meine Stimme? Ich klinge sonst anders.


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