Baudelaire und der zerlumpte Adel des Geistes

Baudelaire auf der Photographie, ein weitgehend zerstörter Mann, doch der Lebenswille trotzt noch. Ich bilde mir ein, man könne sehen, wie es sich anfühlt, Charles Baudelaire sein zu müssen, verflucht durch Talent und Herkunft, verführt und vergiftet durch die zahllosen Ausflüge in die dunklen Nebenräume der Gesellschaft. Existenz am wunden Rand der Zivilisation, einer Zivilisation, die unverhohlen vom Verbrechen und der Ausbeutung der Rechtlosen lebt, aber nach außen sich bieder gibt, anständig oder elegant. Eine Bruthölle für leidende Genies. Durch die Risse und Spalten quillt Magma nach oben.

Von Paul Verlaine stammt die Gruppenbezeichnung Les poètes maudits. Ins Deutsche übertragen müßte von Dichtern gesprochen werden, über die ein Fluch verhängt wurde. Eine Erscheinung der Moderne: der ungebundene Geist exiliert. Das geschieht freiwillig oder erzwungenermaßen. Wo die Hauptanstrengungen des allgemeinen Lebens dahin gehen, erfolgreich zu wirtschaften und den materiellen Besitz zu mehren, um auf diese Weise gesellschaftliche Anerkennung zu erfahren und sich gerechtfertigt zu sehen – dort hat der Dichter nichts mehr zu suchen und auch nichts zu finden. Leben ist unverhohlen brutal geworden. Die Theorie dazu lieferte Charles Darwin, den man von Anfang an bestens verstand und darum bekämpfte. Er hielt den Empörten den Spiegel vors Gesicht, und sie erkannten sich.

In der Hackordnung der Erwerbsgesellschaft ist der Dichter der Schwächste und zugleich tragikomische Heldenfigur. Verehrt von jenen wenigen, die im Leben etwas Höheres, Schöneres und Geistvolleres erblicken wollen als das Ergattern einer Stelle, eines Auftrags, eines Platzes auf der lichten Seite der Stadt, wo die Villen weiß in Grün stehen und die schwarzen Limousinen in der Sonne funkeln. Angebetet von den Jüngeren, den Idealisten, den Schwärmern und wahrhaft Liebenden. Verspottet und verstoßen von jenen Erfolgreichen, die es ein wenig wurmt, daß sie ihm nicht überall Konkurrenz machen können. Denn selbst sie ahnen, daß da etwas ist, an das sie nicht reichen.

Der freie Geist wandert ab in Reservate. Er wird sich nicht einspannen und ausnutzen lassen. Arthur Rimbaud erkennt  keinen Herren über sich an. Baudelaire arbeitet nicht von neun bis fünf in seinem Büro. Sie schaffen nicht auf Bestellung, und wenn sie es einmal tun wollen, mißlingt der Versuch und verletzt ihren unglaublichen Stolz. Aber alle müssen ihr Haupt senken, behauptet das Volk, behauptet die Führung, behauptet die Ordnung. Sonst wird er (wenn nicht tatsächlich, so mindestens symbolisch) abgeschlagen. Man muß sich beugen, denn wie es ist, so ist es nun einmal.

Demut ist nicht Demütigung. Wohin mit diesen Genies, diesen Trotzköpfen des Geheimnisses? In die Anstalt, ins Gefängnis, ins Erwerbsleben? Man wird sie scheitern lassen müssen, bis sie in sich selbst beruhigter sind. Meist sterben sie früh und ungestillt. Ihr Sehnen und Toben begeistert die Späteren. Man sperrt sie nicht mehr aus, man sperrt sie ein: Ausstellungen, Vitrinen, Museen, Diskurse, Theorien, Schulbücher. Was zeigt das Bild? Das Bild zeigt ein Feuer, doch es ist nicht das Feuer, denn Feuer verbrennt das Bild.

Baudelaire nach seinem Portrait. Eine erschöpfte Trauer. Die Verhältnisse haben sich diesbezüglich noch verschlechtert. Der zerlumpte Adel des Geistes hat aufgehört zu existieren. Die Grenze ist verschwunden und mit ihm das Genie. Niemand begehrt auf, alle machen mit. Künstler sind geschäftig und streichen gewerblich und erwerbstreibend um die Töpfe. Sie begehren Akzeptanz und Toleranz. Das Leben ist milde Sorte. Man sollte sie anspucken, doch was dann? Der Trost besteht darin, daß jegliche Ruhe trügt. Die Ruhe ist der Sturm, der sich verbirgt. So fühlt es sich vor dem Beben an.


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