Musikalisch in den Tag, Oviedo von Blind Pilot. Gedanken zu Indie-Folk-Bands wie Great Lake Swimmers, The Head and the Heart, Lord Huron, Noah and the Whale, The Lumineers, Freelance Whales, The Decemberists, Half Moon Run, Avalanche City, DeYarmond Edison, Right Away Great Captain, Band of Horses. Neoromantiker mit einem Hang ins kontrolliert Freie, in die Sauerkeit frisch quellenden Lebens am Rand der Wälder, Seen und Gebirge, anknüpfend an Trapper, Tramps, Landkommunen, Reformer und Wandervögel. Sie bringen das Lied zurück. Ich scheue mich, von Volkslied zu sprechen, da ich nicht weiß, ob es Volk noch gibt, jeweils. Ich bin mir auch unsicher, ob dieses Wort noch etwas bedeuten kann, jenseits von Politik, Geschichte und dem Kladderadatsch seiner Beanspruchung durch Bewegungen und Führer und große Vorsitzende.
DNA Bank von Freelance Whales. „That we will never find ourselves alone again / Where have our fathers‘ hopes and feathers blown away.“ Durch Biotechnologie inspirierte Elegie von einer Zeit, wie wir sie eben noch kannten. Wir winken und winken, wir driften ab, ganz weit hinten liegt die natürliche Welt. Leben ging ins Labor, wurde in Sequenzen zerschnitten, selektiert, kombiniert, manipuliert, optimiert, fachgerecht und zweckgebunden bearbeitet. Der große Plan: die Abschaffung (von Hunger, Leid, Krankheit, Tod, demnach auch des Lebens). Abschaffung des Menschen (wie wir ihn kannten). Von nun an ist die Frage nach der Verantwortung klar entschieden. Kinder werden nächstens gegen ihre ‚Eltern‘ und Mediziner klagen: Warum zum Teufel habt ihr mich so geschaffen, wie ich bin? Wir kennen die Antwort: Wir wollten dein Bestes, Kind. Da wollten wir nichts dem Zufall überlassen. Schön zu erkennen: Der Mensch will evolutionsbiologisch in die nächste Runde, um jeden Preis. Doch ich gleite ab, ich spreche über Indie-Folk, nicht über die helle Zukunft des bessergemachten Menschen.
Auffallend die Namen dieser oft vielköpfigen, gemischtgeschlechtlichen Formationen. Tiere, Pflanzen, Historien, Landschaften, Elemente, Konstellationen: Grizzly Bear, Searbear, Sea Wolf, The Last Bison, Bowerbirds, Boy and Bear, Dog Is Dead, Dr. Dog, Modest Mouse, Gregory and the Hawk, Tired Pony, The Mountain Goats, Trampled by Turtles, Mighty Oaks, The Giving Tree Band, Lost in the Trees, Woods, The Deep Dark Woods, Twin Forks, Silent Old Mtns, Daughter, Middle Brother, The Middle East, Delta Spirit, Bombay Bicycle Club, The Civil Wars, Good Old War, The Marshall Pass, Neutral Milk Hotel, Okkervil River, Mount Eerie, Dry the River, The Rumour Said Fire, Local Natives, Sleeping at Last, Little Green Cars, The Microphones, The Shins, The Thrills, The Milk Carton Kids, The Tallest Man on Earth, um nur einen kleinen Bruchteil dieser musikalischen Bewegung in den Raum, in die Kultur- und Naturlandschaften, vorrangig der Neuen Welt, zu nennen. Ich unterstelle: sie suchen das Echte. Sie sind mir sympathisch.
Musik für Spätsommer und Herbst, Musik für den guten Wunsch, der Mensch möge im Einklang mit der Natur leben, das Verlernte erneut erlernen und sich unter den Sternen besser zurechtfinden. Mir fällt das Gemeinschaftliche auf, das diese Bands pflegen. Als gelte es noch einmal, eine neue Welt zu besiedeln und fruchtbar zu machen. Blind Pilot aus Portland, Oregon nannten ihr zweites Album We Are the Tide. Vielleicht sind sie es, vielleicht sind sie es nicht. Musik für die gebildeten jungen Stände, für Menschen, die sich Sehnsucht leisten können und ein paar Gedanken und Hände frei haben für den Zustand der Erde und der Wesen auf ihr, für Menschen, die einfach und gut leben möchten. Musik für eine wachsende Minderheit.
Vieles an ihnen mag retro sein, epigonal erscheinen. Doch ich bin ein Gegner des Alles-schon-dagewesen-Topos. Es gibt ja lebens kein Zurück. Neue Traditionalisten leben im Hier und Jetzt und bohren in die Tiefe des Vergangenen und werden für sich und andere fündig. Was sie schreiben, klingt nicht alt und überkommen, es erinnert lediglich und soll auch erinnern. Das ist ein schöpferischer Umgang mit Teilen des Erbes, wie er Künstlern von jeher zusteht. Wer die Großen Seen sieht, wird sie besingen wollen. Man darf nicht alles den Alten überlassen. Oder mit Versen von Mary Gauthier:
„Souls ain’t born, souls don’t die / Soul ain’t made of earth, ain’t made of water, ain’t made of sky / Ride the flaming circle, wind the golden reel / Roll on, brother, in the wheel inside the wheel“.
Kritik: Manche der Bands sind mir zu lieb, manche der Sänger zu susig (weich und weinerlich), trotz oder wegen der mächtigen Bärte (William Fitzsimmons ungeschlagener König der Bartsofties). Manche der Songs zu vegetarisch. Pazifistisch-veganes Morgen unter friedliebenden Menschen, deren Aggressionen sich dann psychosomatisch manifestieren müssen, da sie ja nicht zuschlagen dürfen. Wenigstens versuchen sie gut zu sein. Die Mehrheit hat das offenbar längst aufgegeben, scheint auf Anweisung zu leben und zu kaufen und würde auch auf den Mars ziehen, wenn das beworben und befohlen wird oder die Mieten dort günstig sind. (Wer tröstet William Fitzsimmons? Ich höre soeben den zweiten Song seines Albums Gold in the Shadow. Das ist ja nicht zu ertragen. Wer sich einfühlsam gibt, kann es nicht sein.)
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