Vermutlich mußte ich erst mit Kees Colijn geradeaus durch Varanasi spazieren, um für mich erneut ein paar Gesichtspunkte unserer technischen Moderne freizulegen. Von nichts kommt nichts, sagte mein Nachbar, wir sprachen über Arbeit. Das gilt ebenso für Gedanken. Hätte ich den Film nicht gesehen, hätte ich mich nicht mit den Bestattungszeremonien beschäftigt, auch nicht mit der Ordnung des Raumes dort und hier. In dieser heiligsten Stadt des Hinduismus herrscht ein Getümmel und Gewimmel, das darauf hinweist, daß im öffentlichen Raum nahezu alles stattfindet, und zwar gleichzeitig: leben und sterben, werkeln und anbieten, reparieren und kaufen, feilschen und schenken, arbeiten und entspannen, schlafen und laufen, fahren und gehen, lachen und weinen, sitzen und stehen. Nicht der Sex, nicht die Knutscherei. Es herrscht Linksverkehr, das ist alles, was an Verkehrsregeln erkennbar ist. Es wird pausenlos gehupt, nicht weil es Spaß macht, sondern weil man sein schnelles Nahen mit dem Roller oder Moped ankündigt, fairerweise. (Ein bißchen Spaß macht es wohl auch. Wer hupt, ist nicht tot und unterwegs.)
Das alte Indien ist tot, berichtete Georg Stefan Troller vor Jahrzehnten (1981) in einer bemerkenswerten Personenbeschreibung über Satprem, bürgerlich Bernard Enginger, einen französischen Desperado, den es nach langen Irrfahrten (Kongo, Afghanistan, Neuseeland, Brasilien, Himalaya) und größter innerer Verzweiflung nach Indien an den Ashram ‚Der Mutter‘, Mirra Alfassa, zog. Er versah dort Sekretärs- und Schreiberdienste. Spiritualität wird heute konsumiert, heißt es in Trollers historischem Filmportrait. Satprem demnach so etwas wie ein letzter westlicher Zeuge einer untergehenden Kultur tief empfundener Spiritualität. Doch die Sinnsuche des Westens geht weiter, und Indien bleibt offenbar eine wichtige Ressource, wie sehr es sich auch ändert und modernisiert. Jeder von uns kennt begeisterte und entgeisterte Indienreisende. Wie es früher war, davon erzählen die Alten oder Filme.
Während ich mir über Filme einige Bilder malen lasse über eine Gegend, die ich gar nicht kenne, versuche ich dennoch zu verstehen. Ich versuche zu verstehen, indem ich vergleiche. Das ist nicht nur Spielerei. Das Pittoreske trügt stets, Exotik lügt. Ich bin Colijn nicht mit romantischen Gefühlen gefolgt, ich war eher auf der Hut. Unbekanntes Terrain für uns beide, für den Niederländer wie für mich, der ich im Auge seiner Kamera sitze und darauf achte, wer auf uns zukommt, uns überholt, lächelt, grüßt, droht, warnt. Die rücksichtsvollen Hunde sind mir aufgefallen. Nur unten am Ganges einmal nur aufgeregtes Gebell, ansonsten eine gute Gelassenheit der Hunde, die allesamt aussehen, als hätten sie denselben Vater oder dieselbe Mutter gehabt. Schmale, kojotenhaft anmutende Hunde mit braunem oder geflecktem Fell, großen klugen Ohren und guten Manieren. Sie werden lediglich geduldet, und das wissen sie. (Nachts am Strand, da bilden sie Rudel, dann braucht man starke Nerven und ein gewisses Talent. Die Meute ist gelehrig, wenn man sie führt. Eine andere Geschichte, auch aus Indien. Ich habe sie mir gut gemerkt.)
Angesichts dessen – was treiben wir hier eigentlich? Der Raum ist geordnet, der Verkehr ist geregelt, die Menschen gehen zu ihrer verborgenen Arbeit in die Werkstätten und Büros. Wir leben nicht mehr Mittelalter, als alles auf der Straße oder nahe zur Straße stattfand. Jede Tätigkeit ist einem bestimmten Raum zugeordnet. Wer öffentlich arbeitet ist Bauarbeiter oder Busfahrer, Frittenkoch oder Streifenpolizist, Verkäufer oder Kellner, Fahrkartenkontrolleur oder Straßenmusiker. Alle anderen schleusen ein. Die Kinder sind abgegeben, die Haustiere verwahrt, die Freunde anderweitig eingeschlossen in Dienst und Gewinn. Nur beim türkischen Friseur ein Kommen und Gehen, als sei sein Laden Treffpunkt für alle. Trennung von Arbeit und Leben, eine Errungenschaft? Wir leben hier nicht in einer Leistungsgesellschaft wie in jenem Indien, das mir gezeigt wurde, wir leben in einer Hochleistungsgesellschaft mit ausgeräumten Hindernissen und Hemmnissen, schnurgerade effizient, protokolliert und zertifiziert. Macht uns das gut? Sind wir erfolgreich? Hängt davon ab, wie man rechnet und was zählt. Die ersten Blicke trügen, meistens. Überall gibt es Gerangel und Kampf, das Paradies scheint uns nicht gestattet.
Ich stelle mir eine Frau oder einen Mann in Varanasi (Benares oder Kashi) vor. Sie oder er sieht einen Niederländer durch Berlin gehen, Herrn Colijn mit seiner Kamera vor der Brust oder dem Bauch. Sie beide, weder die Frau noch der Mann waren je in Europa. Sie sehen die Straßen von Neukölln, sie sehen die Straßen von Kreuzberg. Häuser, Menschen, Tiere, Pflanzen. Sie vergleichen, sie kommen zu Ergebnissen ihres Vergleichens. Sie suchen mehr Material und finden Filme über die Bestattung eines Toten auf einem Friedhof. Der Sarg wird hinuntergelassen, die Trauernden werfen mit der kleinen Schaufel Erde auf den Sarg, Blumen dazu. Anschließend setzen sie sich (einer von den beiden) hin und notieren ein paar Gedanken, da sie die Bilder beschäftigen und nicht loslassen. Sie wissen, daß das nur ausgewählte Bilder einer Wirklichkeit waren. Sie wissen, daß sie selbst reisen und sich das Ungeheuerliche ansehen müßten. Doch dafür reicht das Geld nicht. Im nächsten Leben werden wir fahren.
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