Mit den Familien des ehrgeizigen Mittelstands hatte ich in meiner persönlichen Vergangenheit einige Male zu tun. Da ein unaussprechliches Glück aber wollte, daß ich nicht einer solchen entstamme und jenes Streben mir demnach fremd ist, mußte ich in meiner Unschuld einiges lernen. In solchen Streber-Familien ist es wichtig, daß jemand etwas gilt. Nicht sich selbst, sondern anderen. Man will wer sein. Unbestrittene Autoritäten legen fest, wer oder was Geltung beanspruchen darf. Man glaubt an Noten und Zensuren und zeigt sich an diesem Punkt von seiner unbedarftesten Seite. Doch die Macht wird stets anerkannt, insofern ist nichts daran erstaunlich. Man ist hörig, legt sich mit übergeordneten Einheiten und Ranghöheren nicht an. Eher versucht man es mit einem Telephonat. Man unterhält Verbindungen und verkehrt vernünftigerweise in den angesehenen bürgerlichen Kreisen. Die präsentablen Wohngegenden, Sportarten, Urlaubsorte, Automobile und Freizeitbeschäftigungen sind bekannt, man entspricht den Vorgaben voll und ganz. Der Dresscode wird strengstens befolgt, die technische Ausrüstung ist auf dem letzten Stand, kulturell zeigt man sich weltoffen und informiert. Die Bedienstete wird liebevoll-spöttisch ‚unsere Perle‘ genannt, auch das Lieblingsrestaurant wird geführt von einem Menschen, dessen Nationalität man ein Possessivpronomen voranstellt. Man wäre gern von echtem Stand. Einstweilen muß man sich behelfen. Es beginnt beim herrischen Auftreten, das die Dame oft besser beherrscht als der Herr. Der ist viel zu beschäftigt mit seiner Kanzlei, Praxis oder Agentur, der bemerkt gar nicht, was sich die gemeinen Leute herausnehmen in letzter Zeit. Sie ist listig wie eine Schlange und aalt sich durch die Geschäfte, sehr charmant, wenn es darauf ankommt, etwas doch noch zu bekommen (‚Können Sie nicht eine kleine Ausnahme machen, nur dieses eine einzige Mal. Ich wäre Ihnen so verbunden. Wissen Sie …‘), giftig und rachsüchtig, wenn jemand die beanspruchten Hoheitsrechte in Frage stellt. Machtbewußte und notfalls rücksichtslose Familien, die sich ausdehnen möchten und herrschen. Sie geben keine Ruhe. Hier etwas, dort etwas – muß angeschafft, besorgt, geregelt, ausgebügelt, vertuscht, beschwichtigt, zugeredet, abgeraten, eingegriffen, geholfen werden. Manipulateure, doch in einer Art gutem Glauben, da sie ja an die Richtigkeit ihrer Aufstiegs- und Erfolgsrezepte glauben. Schnell noch eine Investition in ein Gemälde, der Galerist hat zugeraten, die Kunstwelt sagt es auch. Bummel durch die Passage, Pelzmäntel, Einkehr ins Bistro, wo die duftenden Hündchen sind. (Habe ich Düsseldorf gesagt?) Sonntag Trabrennbahn, abends Theater, zwischendrin Franziska vom Flughafen abholen, das Internat tut ihr sicher gut. Um den Sohn macht man sich Sorgen, der verkehrt nicht standesgemäß. Sein bester Kumpel ist Sohn eines Busfahrers, stellt euch das mal vor. Aber Johannes kommt sicher noch auf die Spur, zur Not muß er ebenfalls ins Ausland. England, letzter Schliff, sich ein Vorbild nehmen, Disziplin.
Die Bürger wollten doch wirklich den Adel beerben, allen Ernstes. Jeden Tag höre ich das stumme Gelächter aus den tiefen Wäldern und den Raubritterburgen des Vergessens.
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