Auch in Zukunft blicknah weiter

Selig, die da glauben, es gäbe einen Plan. Nicht ein einziger Lebender hat auch nur die Spur einer Ahnung, wohin es insgesamt treibt. Deshalb wird zuweilen gesagt, die Zukunft sei offen. Das soll und mag trösten, ist vornehmlich an den einzelnen gerichtet, der sich das zurechtverstehen muß, etwa derart: Auch für mich enthält das Leben Chancen, ich muß sie nur ergreifen. Erst erkennen, dann ergreifen. Stelle ich mir aber eine offene Zukunft vor, scheint alles möglich zu sein, immerhin auf längere Sicht. Denn kurzerhand verschließt sie sich ja dauernd und gehorcht den Setzungen derer, die ins Morgen hinein bestimmen können. Manches ist möglich, nicht alles. Ich selbst gehöre zu jenen, die ins Morgen hinein bestimmen und bestimmt werden. Ich soll, ich muß, ich kann, ich will. Tag für Tag. Der Blick geht nicht sehr weit, reicht ein paar Tage, Wochen oder Monate und beruht auf Annahmen, denen zufolge das Geschehen demnächst ähnlich ablaufen wird wie gehabt. Manche Menschen fürchten sich vor Überraschungen. So unverständlich ist das nicht. Daß das Leben jederzeit gefährdet ist, versetzt in Unruhe und Besorgnis. Sind die verdammten Gefahren denn noch immer nicht ausgeräumt! Was machen die denn, die können doch sonst alles! Da plärrt das kleine Kind, seinen Eltern hörig und abhängig auf Leben und Tod. Die sind Leute wie du und ich, nicht erhaben, nur ein wenig erhoben durch ein paar Vorweise ihrer Fähigkeiten, dieses oder jenes tun zu können. Im Griff haben sie es nicht, wie sollten sie. Nirgendwo sitzen die gütigen und gültigen Eltern unseres Geschicks und planen die Welt von morgen. Irgendwo sitzen irgendwelche Leute mit einer gewissen, in jedem Fall beschränkten Macht und versuchen, die offene Zukunft ein wenig überraschungssicherer zu gestalten, also gewisse Möglichkeiten auszuschließen. Dafür werden sie bezahlt oder gewählt oder beides. Daran ist nichts Absonderliches. Sie versuchen es. In wessen Namen? Kann man sich leicht zusammensuchen: Religion, Vaterland, Weltanschauung, Klasse, Firma usw. Für solche Interessenverbände arbeiten sie, um Planungssicherheit zu erstellen und „Zukunft zu sichern“, was nichts anderes bedeutet als Macht und Einfluß zu vergrößern. Derweil erforschen andere die Limits menschlicher Existenz und mahnen Verhaltensänderungen an, da sonst die Zukunft uns nicht wollen wird. Das betrifft auch die Interessenverbände, weshalb sie noch fieberhafter planen, rechnen und manipulieren. Sie alle möchten weit in die Zukunft vorstoßen. Es soll sie in hundert, in tausend Jahren noch geben. Bei diesem Wunsch handelt es sich nicht um einen Systemfehler, sondern um das Überlebensprogramm der Spezies. Mit sich und den Seinen in die nächste Runde kommen, koste es, was es wolle. Wo bitte haben sich Gott und Wahrheit verkrochen? Immer wenn man sie braucht, sind sie nicht da. Irgendwer muß doch ein Machtwort sprechen, die Mäuse tanzen auf dem Tisch, die Kinder stecken das Haus noch an, wie soll das weitergehen? Schon schmort der Wellensittich im Backofen. Alle wollen nach vorn und oben, das schreit nach Regeln, sonst trampeln sie sich gegenseitig tot. Ja, das tun sie allerorten, wir erleben es ja. Dann wird reagiert, improvisiert, später institutionalisiert. Dynamisch, später statisch. Weltordnung Schritt für Schritt. Ein permanentes Vorantasten im Nebel. Es reicht nicht, daß jemand etwas jetzt bereits weiß. Es muß gespürt werden, weh tun, einen Schlamassel anrichten, dann erfolgt die Gegenaktion, dann gerät das Träge, das aus vielem besteht, in Bewegung. So wird es weitergehen.


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