Die Leiden können nicht romantisiert werden. Ein psychisch Kranker macht Ausnahmeerfahrungen, um die ihn niemand beneiden wird. Die inneren Spannungen können sich auf vielerlei Weise Ausdruck verschaffen. Berühmt wurden die Gemälde der Sammlung Prinzhorn. Hans Prinzhorn war Assistenzarzt an der Psychiatrischen Klinik der Universität Heidelberg. Nach dem Ersten Weltkrieg schrieb er an psychiatrische Einrichtungen im deutschsprachigen Raum und bat um Patientenkunstwerke für den Aufbau eines Museums für psychopathologische Kunst. 1922 erschien sein Buch Bildnerei der Geisteskranken und hatte Einfluß auf Kreise der Surrealisten. Als die Nationalsozialisten ihre Wanderausstellung über „Entartete Kunst“ auf die Reise schickten, dienten Bilder der Sammlung als Vergleichsstücke, um zu zeigen, daß moderne Kunst pathologisch sei. 1963 wurden die Bilder wiederentdeckt und ausgestellt, 2001 bekam die Sammlung einen eigenen Museumsbau zugewiesen, einen ehemaligen Hörsaal der Neurologie auf dem Gelände des Universitätsklinikums in Heidelberg. Die Sammlung wächst und wird ständig erweitert, das Museum möchte zur „Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen“ und zur „Inklusion betroffener Menschen“ beitragen.
Die Gesellschaft tut sich schwer mit der Benennung solche Kunstwerke? Art Brut, Outsider Art, Zustandsgebundene Kunst … Unverbildet und roh? Außenstehend? Welche Kunst ist nicht zustandsgebunden, welcher Künstler empfindet sich nicht als Außenseiter? Das Besondere dieser Kunst zu verschweigen verbietet sich ebenfalls. Doch was ist das Besondere am Schaffen von Geisteskranken, sofern sie denn krank sind? Denn zudem sind sie anders oder besonders begabt. Ich sah vor Jahren eine Dokumentation über die Maler im Haus der Künstler, dem ehemaligen Zentrum für Kunst- und Psychotherapie, in Gugging bei Wien. Vom Direktor dieses Hauses, Johann Feilacher, gibt es interessante Aussagen: „Art Brut ist eine Kunst, die von Kunst nicht beeinflußt ist. Das ist das Ausschlaggebende. Art Brut ist beeinflußt vom Leben rundherum, aber sie nimmt nicht Bezug auf irgendwelche Kunstströmungen. Das heißt: Kunst interessiert einen Art-Brut-Künstler überhaupt nicht; deshalb lassen sie sich auch nicht beeinflussen.“
Zur therapeutischen Wirkung von Kunst sagt Feilacher: „Kunsttherapie ist zwar eine Form der Therapie, aber das Produkt spielt hier keine Rolle. Es geht um den Prozeß. Das hat mit Kunst nichts zu tun, Kunst heilt nicht, Kunst therapiert nicht. Aber: Was schon positive Effekte hat ist, daß jemand die Dinge erfüllt bekommt, die jeder Mensch braucht; eine Funktion in der Gesellschaft, er braucht die Möglichkeit, andere einzuladen, das ist wichtiger als Almosen zu bekommen, er braucht die Notwendigkeit einer gewissen Freiheit, mit der er sein Leben gestalten kann. Und wenn er diese Dinge nicht hat, wird er automatisch krank. Menschen, die psychische Erkrankungen haben, haben das nicht. Ich habe versucht, ihnen diese Möglichkeiten wieder zu bieten.“
Um die Werke der Gugginger wird ein ziemlicher Wirbel gemacht, einige der mittlerweile verstorbenen Hausbewohner gelangten als Maler und Zeichner zu internationalem Ruhm: August Walla, Johann Hauser, Oswald Tschirtner. Ernst Herbeck schrieb Gedichte. Mitunter hat es den Anschein, als stürzten sich die Gesunden auf die Kranken, um Inspiration zu erfahren und über sie, die Authentischen, zurückzufinden in Unschuld und Intensität. Liest man das Interview Feilachers mit dem Kurier genau, wird deutlich, daß es ein Gerangel um Ansprüche und Repräsentationsrechte gibt. Wer darf sich rühmen, welches besondere Verdienst um die Förderung dieser besonderen Künstler erworben zu haben, und für sie, die selbst öffentlich nicht sprechen, Erklärungen abgeben? Feilacher begleitete Walla zehn Jahre lang, mußte anwesend sein, wenn Hauser malte, wurde auf diese Weise zum Eckermann zweier Originalgenies. Auch dort, wie überall, Versuche, die Deutungshoheit zu erlangen und zu verteidigen.
Feilacher spricht als Galerist, der Besucher aus Wien nach Gugging locken möchte und für ’seine‘ Künstler Aufmerksamkeit fordert. Das ist professionell, nicht unbedingt sympathisch. Doch was wäre ’sympathisch‘? Jemand, der auf die Leiden deutet und die Schwächen der Patienten betont, wo ihre Stärken doch derart überzeugend sind. Feilacher lehnt folgerichtig den Begriff ‚Patientenkünstler‘ ab: „Patient bin ich auch von meinem Zahnarzt, meinem Internisten etc. Das ist die Privatsache jedes Einzelnen. Entweder ich bin Künstler oder nicht.“ Über den Zusammenhang von Stärke und Schwäche zu meditieren ist Inhalt nicht nur dieses verregneten Nachmittags, sondern sinnvollen Nachdenkens über Menschen.
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