Zustände, Wahrnehmungen und Kunst

In welchem Verhältnis stehen Stärken und Schwächen zueinander? Sind diese der Schatten, jene das Licht? Sind die Gugginger Maler wegen ihres Leidens Künstler? Das ist offenkundig Unsinn, psychische Leiden befördern nicht zum Künstler. Sie sind Künstler und Patienten, nicht als Patienten Künstler oder als Künstler Patienten. Doch das Gerede von Genie und Wahnsinn wird weiter die Runde machen und beinhaltet vielleicht auch Gutes. Daß nämlich mit einer gewissen Absonderlichkeit zu rechnen ist, wo Begabungen eigener Art sich äußern und zu erkennen geben.

„Was nimmt der wahr!“ brüllte der Malerfürst aus Göttingen, dem ich als Barmann das Bier hinstellen durfte. Wir befreundeten uns, und bald betrat er die Bar am liebsten dann, wenn ich Dienst tat. Es beruhte auf Gegenseitigkeit, wir sprachen viel über Kunst und Künstler, und er sprach am liebsten über sich, die neuesten Arbeiten, Einfälle, Erfolge, Aussichten. Die Welt würde ihn noch kennenlernen, ihn, den sie bisher noch zu unterschätzen wagte. Was an einem Künstler und seinem Werk ihn vorrangig interessiere, fragte ich. Da brüllte er mich an, und ich hatte Sorge, sein Kopf könne platzen.

Mit seinen Wahrnehmungen zurande zu kommen ist kein Leichtes. Zu viel zu spüren ist Tortur. Wohin damit? Und wehe dem, der Künstler werden oder sein möchte, was soll mit dem denn geschehen? Der läuft ja umher in dieser dauernden Erwartung eines Wunders, einer Offenbarung, der bewegt sich in ständiger Latenz. Das ist ungesund, das ist übersteigerter Aufnahmezustand. Da brennt leicht etwas durch, solche hysterischen Zustände wollen heil überstanden werden. Zum Glück lassen sich die Musen auf solch ungeduldige Freier nicht ein, und endlich gehen sie es gelassener an. Wer hysterisch bleibt, wird kippen, reißen, bersten. Leider gibt es keine vernünftige Anleitung zum Künstlersein. Man sollte sie verfassen, ich denke darüber nach.


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