Von sich selbst nahezu vollständig eingenommen

Dünkel ist der mißlungene Versuch, sich selbst und anderen den Wert der eigenen Person zwanghaft und latent gewaltbereit in Erinnerung zu rufen. Dünkel schafft Abstand und vergrößert die Kluft. Dünkel lebt von der permanenten Disqualifizierung der Konkurrenz. Dünkel fühlt sich nämlich bedroht. Dünkel gibt es als Mann und als Frau. Sie sind sich etwas schuldig, sie reden nicht mit jedermann. Dünkels zählen sich zur Elite. Dünkels sehen viel in den Spiegel. Dünkels verzeihen sich keine Schwäche. Macht man sie auf etwas aufmerksam, wissen sie es bereits. Ins Hintertreffen geraten zu sein gäben sie niemals zu. Dünkels wollen nicht nur gut, sie wollen sehr gut sein. Oben thronen die Götter, unten kriecht der Pöbel im Dreck. Dünkels haben Angst, daß sie sich unten anstecken. Deshalb meiden sie gewisse Gegenden und gewisse Menschen und pflegen Umgang nur mit Ihresgleichen. Doch Ihresgleichen mögen sie ebenfalls nicht, zu vieles stößt unangenehm auf. Man sieht sofort die Fehler, und Fehler darf man bei Dünkels weder haben noch machen. Dünkels sind Spezialisten für die Schwächen anderer Leute. Dünkels durchschauen alles, sie durchschauen sogar sich selbst. Nur würden sie das niemals zugeben, es sei denn, es winkte Statusgewinn. In Dünkels Träumen geht es verheerend zu. Da stürzen Welten ein, da braust die Flut. Dünkels haben sich alles zu teuer erkauft. Sie stellen sich sonstwas vor. Ihr Götzendienst nimmt unvorstellbare Formen an. Erst wenn die Formen einstürzen, kommen Dünkels zu sich. Übrigens können Dünkels nicht lieben, sie sind viel zu beschäftigt mit sich selbst. Auch Dünkels kommen einmal zur Einsicht, doch dauert das sehr lange. Ihre Voreingenommenheit hindert sie. Sie sind von sich selbst nahezu vollständig eingenommen. Eine Selbstverschlingung, ein autokannibalistischer Akt. Ist mehr als die Hälfte weggefressen, kommen sie zur Vernunft und bringen den Rest heil nach Hause. Das Zuhause ist die Welt mit all den Leuten hier und jetzt.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Von sich selbst nahezu vollständig eingenommen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert