Stockenden Ichverkehr einstellen

Daß ich die Fahrten im Untergrund interessant finde, ist deutlich geworden. Ich begegne sehr vielen Menschen, die ich betrachten und bestaunen kann. Ich glotze sie nicht an, ich versuche, sie wahrzunehmen. Aussehen, Kleidung, Haltung, Gewohnheiten, Bewegungen, Sprache, Lektüre, Ticks. In einem einzigen Menschen kommt eine Menge zusammen und fügt sich. Manchmal läßt sich erkennen, wer oder was jemand gern sein möchte. Entwürfe und Idole. Bilder von Frauen und Männern, Images und Klischees. Ich kann bei mir selbst beginnen und mich einer solchen Betrachtung unterziehen, vor dem Spiegel vielleicht. Nur daß ich in mir stecke und zu wissen glaube, ergibt einen Unterschied. Ich bin mir nicht sicher, ob man sich selbst erkennen kann. Die Befangenheit ist doch groß. Mit der Zeit ist es einfacher geworden, mit mir klarzukommen. Ich nehme mich nun hin, wenn ich mich nicht annehme. Das hilft dabei, den falschen Stolz abzubauen. Sich selbst für etwas Besseres zu halten – damit wappnet sich ein schwaches Ich. Es pocht auf die Unterschiede und rechnet sich in stundenlangen Operationen vor, wodurch es sich auszeichne. Lange Liste der hervorstechenden Eigenschaften und angeblichen Verdienste. Es kann nicht allzu viel von sich halten, wenn derart argumentiert werden muß. Es agiert tief unter seinen Möglichkeiten, ist noch gar nicht hier angekommen und empört sich an falscher Stelle für seine unterstellte Nichtswürdigkeit. Daher trumpft es ungehörig auf. Was es nicht hat, will es behaupten. Es schreit nach Liebe und Anerkennung, den Grundnahrungsmitteln. Das Ich ist nur ein kleines Fahrzeug, notierte ich vor ein paar Monaten. Ähnlich dem Auto, in dem man allein sitzt und im stockenden Verkehr festsitzt. In den größeren Fahrzeugen kommen die Leute ins Gespräch. Man kann spielen oder sich etwas vorlesen, in guten Austausch geraten, Lebensgeschichten lauschen, diskutieren. Nur der Dünkel, der muß weg.


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