Die Kriegerin

Manchmal kommen die menschlichen Körper im öffentlichen Raum nicht gut aneinander vorbei. Sie stehen sich im Weg oder versperren ihn, laufen dem anderen in die Bahn oder rennen sich über den Haufen. Solches geschah heute und wiederholt um die Mittagszeit. Als habe der Raumsinn einen empfindlichen Dämpfer erlitten, als sei die Berechnung von Weg und Zeit, aus der sich der Abstand ergibt, ausgesetzt worden. Eine alte Frau an Krücken schleppte sich die Treppe hoch und stand wie erstarrt, als ich ihren Weg in großem Bogen umkreiste, eben um sie nicht zu stoppen oder zu stören. Ihrer Ansicht nach hatte auf diesem Plateau niemand außer ihr zu sein, denn sie musterte mich mißfällig. Erst als ich die Stufen hinuntersprang, setzte sie ihren Weg nach oben fort, während mir die Kollision verschiedenster Körper ohne meine und mit meiner Beteiligung bevorstand. Den besten Zusammenprall erlebte ich wenig später. Kam eine in den Waggon, deren Verdrängungskraft erheblich war. Sie trug Schnürstiefel, Militärhose, Anglerweste und Käppi. Auf ihrem T-Shirt stand EINEN SCHEISS MUSS ICH. Sie marschierte ein und fegte einen jungen Mann zur Seite, der sie nicht bemerkt hatte. Er tat einen Schritt in die falsche Richtung, den er bereuen sollte. Rums, schon hing er an der Rückwand des raupenlangen U-Bahnzuges. Schnell stieg er aus. Die Kriegerin würdigte ihn keines Blickes. Sie gefiel mir – als Idealbesetzung für einen jener Historienfilme, in denen Germanen oder andere Völker gemeinschaftlichen Aufbegehrens (gegen Rom, das christliche Abendland oder andere Besatzungsmächte) im Wald hocken, hinter Baumstämmen vor Blicken geschützt, um mit einem Mal unter lautem Kriegsgeheul aus den Büschen zu brechen und die verdutzten Feinde zu überrennen. Wir erlebten dort die Hölle, sagen die kultivierten Besetzer später. Diejenigen, die überlebt haben. Selbst die Frauen werfen sich in die Schlacht. Und was für Frauen! Sie sind der Schrecken eines jeden Mannes, sofern er unserer Gesittung ist. Übrigens schien sie mir sympathisch. Freiheit trägt verschiedene, manchmal grobe Gewänder. Ich nahm mir vor, so schnell wie möglich über sie zu schreiben.


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