Feiertag und Staat

Wenn Staaten sich feiern, hat das stets etwas Komisches. Sie möchten dann den Eindruck erwecken, etwas an ihnen sei unverbrüchlich, anbetungswürdig, heilig. Dazu dienen auch die Gründungsmythen, die im Geschichtsunterricht gelehrt und gelernt werden: Ahnenverehrung, Nachfolge, Erbschaft. Fackellauf der Generationen. Was sie begonnen, wollen wir nicht unterbrechen oder abbrechen lassen, sondern fortführen in gutem Glauben und so weiter. Das läßt sich verstehen. Vermutlich sind die Inszenierungen nötig, damit die gemischte Gesellschaft, die in die Ordnung gezwungen und in ihr gehalten werden soll, auch willig ist, die Tribute zu zahlen, die der Staat zu verlangen sich berechtigt sieht. Dazu muß er sich darstellen und erklären. Solches geschieht an Nationalfeiertagen. Einige Staaten fahren da mächtig auf, geben sich zu erkennen als Hort der Freiheit, des Glücks, der Stärke, des Guten, der Unbesiegbarkeit und Macht. Schön. Politische Romantik.

Die sich feiernden Staaten sehen sich als gutes, wenn nicht bestes Ergebnis ihrer Geschichte. Eine Menge Stolz platzt da heraus. Der deutsche Nationalfeiertag hat demgegenüber etwas beschaulich Bescheidenes. Gefeiert wird, daß man wieder zusammen sein darf, sich einigen konnte. Das ist alles. Der Fokus ist daher stets darauf gerichtet, ob das etwas ungleiche Paar wirklich glücklich ist. Wiederkehrend daher die therapeutische Befragung nach Befindlichkeit, Klageberechtigung und Lösungsansätzen. Jeder Staat ist sich selbst Patient und Arzt. Sich auf die Stärke besinnen, das Erreichte betonen, die Zukunft meistern, aus dem guten Geist des Mythos heraus. Mythos des Paars, seiner Einigkeit in Ewigkeit. Als Kontrast das Schreckgespenst der Zerrissenheit, des machtlosen Ausgestreutsein, den anderen zum Fraß. Angstgeschichte der Menschen. Daher die Burgen, die Bürger. Das läßt sich verstehen.

Unverbrüchlich, anbetungswürdig, heilig ist daran nichts. Alles Menschengemachte zerschellt oder zerfällt zu Staub, anbetungswürdig sind die Schöpfungen des Geistes, an dem der Mensch teilhat (ob gläubig oder ungläubig), heilig ist das Leben. Nicht immer wird das deutlich, und wer läge nicht in Streit damit, hin und wieder, oft, manchmal. Leben lebt sich durch uns, wir werden gebraucht. Um gut über die Runden zu kommen, bilden wir Gruppen zu festen Einheiten und geben ihnen Regeln. Die müssen sich aus sich selbst erläutern, meine ich. In einem Staat etwas Heiliges erkennen zu wollen … Bitte, nur zu. Ich komme aus Deutschland, da mögen wir das nicht. Wenn die Masse sich an sich selbst berauscht – ab ins Stadion. Pragmatismus ist das Erbe der blutigen Geschichten. Und sogar dies ist vorläufig.


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