Der jenseitige Bereich

Einmal fuhr ich in der Untergrundbahn und stellte mir vor, ich sei inhaftiert worden und säße in einer Gefängniszelle und müßte dort Jahre verbringen. Mir wurde heiß, daß ich fürchtete, ich werde platzen. Lies diesen Text in jenem Raum, in dem du gerade sitzt, und stell dir vor: du darfst ihn nicht mehr verlassen. Die Tür ist verschlossen, die Fenster sind vergittert. Sieh dich um, das ist fortan deine Welt. Für Tage, Wochen, Monate, Jahre. Die Tür wird nur noch geöffnet, wenn eine höhere, eine für dich zuständige Macht das so möchte. Dann darfst du im Hof eine Runde drehen, handwerkliche Arbeiten verrichten, dich duschen und ein paar kleine Erlaubnisse noch. Mehr nicht. Eingesperrt, eingelagert, ausgeschaltet, verbracht. Du bist ein Haufen Fleisch und Knochen und vegetierst in einem Geviert der Angst und der Stumpfheit. Von sonstwo nachts Geräusche. Kalter Schweiß. Licht bricht sich in dem Gang. Draußen die Welt, wie du sie kanntest. Jetzt kennst du nichts mehr, nur noch den brutalen Gang der Dinge in einer Welt, die sich nach innen stülpt. Irgendwann wird sie zur Gewohnheit, wird langweilig. Licht im Gang, draußen die Jahreszeiten, nachts das Stöhnen und Fluchen der anderen. Froh überhaupt etwas zu hören und zu spüren. Wohin und zu wem die Gedanken und Gefühle. Briefe schreiben, aber an wen? Besuche empfangen, autsch. Fäden reißen, die halten sollen. Hin und her im Rhythmus der Maschine. Die Maschine ist die Ordnung. Die Ordnung ist in Mauern. Vögel fliegen frei. Wolken ziehen weiter. Schwerer Körper, schwere Schuld. Man sollte geisteskrank werden, sich den Kopf an der unbarmherzigen Mauer blutig und offen schlagen, damit alles hinaus kann. Heilt man so denn Menschen, indem man ihnen vorführt, wie Hölle geht? Nicht heilen, bestrafen. Worin besteht denn die Strafe? Im Leiden doch wohl. Erzeugtes Leid wird durch erlittenes Leid abgegolten, Tag für Tag in der Finsternis des eingerichteten Wahnsinns. Nur die harten Jungs schaffen das, die finden hinaus und sind angeblich ganz sie selbst. Vielleicht prahlen sie noch. Ich würde mich einfalten wie ein Blatt oder mitten im Irrsinn dieser Anstalt irgendwelche Freunde suchen, um mit ihnen zu üben, wie man das erträgt. Man soll nicht einsperren.


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