Black Moon II

Wenn man jung ist, weiß man etwas von dem Zauber, der über allem liegt und die Dinge unsichtbar verbindet. Dieses wirklichere Sehen verschwindet dann mit den Jahren. Es läßt sich nicht bewahren. Die suchenden, forschenden und ordnenden Sinne erkennen Übereinstimmungen und Muster. Das Bewußtsein ist dabei, routiniert und professionell zu arbeiten. Man darf nicht dauernd aufschrecken. Nichts kann mich mehr überraschen, denkt der voll ausgewachsene Mensch, der sprachlich und sinnlich leichthin über die Welt verfügt wie ein junger König in seinem Reich. Die Hürden sind genommen. Man weiß Bescheid. Das ist der erste Tod des Poeten. Jeder setze selbst seinen Grabstein sonstwohin. Ein unausweichlicher Tod. Der Schmelz ist fort.

Ein letzter Rest von Unsicherheit bleibt. Vielleicht wurde im Schnellkurs Leben einiges übersprungen, verschwiegen oder nicht ausgiebig genug behandelt. Richtig sicher fühlt sich niemand. Das ist deutlich zu spüren. Was das angesetzte und geordnete Wissen vermag, weiß keiner zu sagen. Versprochen wird viel. Versprochen hat eine zweite Bedeutung. Da erscheint die Hoffnung erneut, verbunden mit der Angst. Es ist wie früher, als unter dem eigenen Bett stets ein Mann lag. Lag er nicht unter dem Bett, stand er hinter der Tür. Ein Toter vielleicht, doch sind die Toten wirklich tot? Man wurde dauernd betrogen. Mit den Aussagen der Erwachsenen stimmt etwas nicht. Sie wissen deutlich weniger, als sie vorgeben.


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Black Moon II

Ein Gedanke zu „Black Moon II“

  1. Hartmut schreibt:

    „… weiß man etwas von dem Zauber …“ – Hm, WEISS ich das dann schon oder LEBE ich nicht einfach darin? Die Reflexion kommt erst später.Jedenfalls würde ich den Gedanken- und Gefühlsraum, den ich bis zum Alter von vielleicht 8, 9 Jahren bewohnt habe, nicht als Wissen im herkömmlichen Sinne bezeichnen. Das Wort passt nicht.

    „Die suchenden, forschenden und ordnenden Sinne erkennen Übereinstimmungen und Muster. … Man weiß Bescheid. “ – Resultiert das Bescheid-Wissen aus der eigenen geistigen Arbeit, oder besteht es nicht vielfach nur in der zu schnellen Übernahme angebotener fertiger Antworten, die nur teilweise mit der eigenen Wahrnehmung und Analyse übereinstimmen?

    „Ein unausweichlicher Tod. Der Schmelz ist fort.“ Wenn der Schmelz fort ist, bedeutet das noch nicht den Tod der Poesie, sondern zunächst nur ihre Transformation. Das Bild wird etwa dunkler, rauher, kantiger, monumentaler und damit vielleicht auch wahrer, vgl. z.B. Lorrains Alterswerk. Auffallend, dass manch einem nach dieser Periode noch einmal der ganze, aber nun veredelte Zauber des Anfangs wiedergeschenkt wird, siehe z.B. Schuberts letzte Klaviersonaten. – Alte Leute werden wieder kindlich.

    Die Korrelation von Erkenntnis und Lebensalter besteht nur auf einer metaphorischen Ebene. Auch über meinen eigenen Lebenslauf habe ich als Kind schon Dinge gewusst, die endlich eingetreten sind, nachdem ich mich unter dem Einfluss elterlicher und gesellschaftlicher Prägungen jahrzehntelang dagegen gestemmt hatte. Und nun ist das befürchtete Eingetretene gar nicht schlimm, sondern viel wahrer und besser als das nur mit großem, nutzlosen Kraftaufwand fremdbestimmt Gewollte. – Gestern las ich ein Interview mit Udo Wachtveitl anlässlich seines 50. Geburtstags (vor sieben Jahren), dass er noch immer fühlt und handelt wie mit 25 Jahren. – In Novalis‘ „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren“ geht es nirgends um das Lebensalter, auch wenn das Kind sowohl in der Frühromantik (siehe z.B. Runge) als auch z.B. Im Christentum („Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder ….“) symbolhaft für das wahre Leben steht. – Bei Platon ist auch alle Erkenntnis uranfänglich gegeben und entfaltet sich dann nur. – Das ästhetische Erleben ist sowieso völlig altersunabhängig; die „Kunst der Fuge“ liebte ich als Kind genauso heiß wie heute, und ich würde sagen, ich habe sie damals auch schon verstanden.

    Sehr schön: der Doppelsinn von „versprechen“ …

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