Stunden : Wunden

In den Augen flammt die alte Angst auf, kaum wird berührt, was vor vielen und langen Jahren einmal weh tat, längst verheilt sein sollte, wenn nicht vergessen. Doch der Schmerz wird nicht vergessen, das Schmerzgedächtnis reicht tief. Die Reaktionen des Körpers sind heftig, die Seele schreit. Alarmzustand, Gefahr im Verzug, Abwehr. Nicht noch einmal solches erleben. Der Geist springt ein und läßt sprechen. Ausflüchte, Entschuldigungen, Floskeln. Nur hinaus aus dieser Situation, dieser Rückkehr des Schlimmen. Wie eine Prüfung, bei der man wieder und wieder versagt. Wie eine Demütigung, eine Kränkung, die niemals verwunden werden konnte. Wie ein Schlag in die Mitte eines noch jungen Menschen. Als fasse nun jemand an diese Wunde, reiße sie auf und schaue hinein und frage arglos, was denn los sei. Ist doch nicht schlimm, ist auch nicht schwierig, jeder kann das. Was doch gleich? In die Wunde fassen? Diese oder jene Lebensaufgabe lustig erledigen? Seine Angst erkennen und in Schach halten? Wir sollten uns als Geschlagene und Getretene verstehen, die sich tapfer und mutig behaupten und aus Rücksicht und echter Freundlichkeit die Wunden verbergen, die das Leben (wer immer dahinter steckt) nun einmal schlägt. Respekt vor der Geschichte des jeweils anderen ist gut. Der Schmerzquotient. Später dann mehr.


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