Tempelhofer Flugfeld im Licht der Dämmerung

Den Spaziergang zur Wanderung ausgeweitet, es war eine Lust. Ich habe meinen ersten Leuchtdrachen gesehen und endlich wieder einen Falken bei erfolgreicher Jagd beobachtet. Er stand rüttelnd in der Luft, nur wenige Sekunden, dann stürzte er sich auf die Beute und trug sie auf einen Laternenmast, um sie zu verzehren. Ich konnte mich ihm nähern, er wußte, daß er dort oben sicher war. Die letzte erfolgreiche Jagd eines Falken, die ich sah, liegt lange zurück. Eine andere Stadt, andere Freunde, ein anderes Leben. Die tote Taube klatschte auf das Wellblechdach einer Garage oder eines Schuppens unter dem Küchenfenster. Es gab ein Geräusch, so daß wir hinaussahen. Da schnappte sie sich der Falke, der sie offenbar hatte fallen lassen.

Man sieht sie hier oft, doch war ich nie Zeuge ihres Jagderfolgs. Das Beuteschlagen des Turmfalken vollzog sich ganz unaufgeregt und lautlos: Stelle 1 wurde beobachtet aus zehn Meter Höhe, einige Augenblicke lang, dann weiter zu Stelle 2, nur einige Schritte weiter, auch dort offenbar keine Regung zu erspähen, weiter zu Stelle 3, nur kurz verharrt, dann der Sturzflug, nicht senkrecht nach unten, wie ich erwartet hatte, sondern in Form einer Parabel. Es dämmerte bereits, das Grasstück lag abseits auf dem großen Flugfeld.

Ich kannte das Areal noch nicht. Es ist etwas unheimlich dort, widrig vielleicht das richtige Wort. Ein umzäunter Barackenbau, die Laternenmasten in regelmäßigen Abständen entlang des Zauns. Ein Asphaltweg führt vorbei an Garagen. Ein tanzendes Paar übte dort die richtigen Schritte, abseits von allen. Die Musik kam aus einem tragbaren CD-Spieler. Etwas weiter schoß ein großer schwarzer Hund auf mich zu und drohte, weil seine Sippe im Gebüsch kampierte und er es für seine Pflicht hielt, mein Vorübergehen anzuzeigen und seine unbedingte Verteidigungsbereitschaft zu demonstrieren. Manche Hunde sind so. Tschuldigung, sagte die Herrin des Drohhundes. Nicht so schlimm, log ich und lief weiter. Schon stand ich vor dem ehemaligen Schießstand der U.S. Air Force. Militärische Anlagen besitzen diese unverwechselbare Ausstrahlung. Daher das Gefühl des Widrigen. Die Soldaten mögen längst fort sein und über alle Berge. Stets haftet etwas an den Orten ihren Wirkens, das sich als Bedrohung vermittelt.

Wir kommen alle aus einem großen Krieg, dachte ich dann. Nein, ich hatte es bereits vorher gedacht, inmitten der Freizeitmenschen, die mich umfuhren und überholten, als ich auf der großen Landebahn ging und den großen Himmel mit seinen unzähligen Nachrichten betrachtete. Dieser große Krieg wird in uns ausgetragen, und wir bemerken es nicht einmal. Ich kam auf diesen, wie ich finde, ziemlich naheliegenden Gedanken, als ich mir während des Laufens und Auslaufens die Frage stellte, warum ich mich manchmal fühle, als hätte ich einen Krieg erlebt und sei so etwas wie ein Veteran. Daher auch meine etwas seltsame Vorliebe für Kriegsheimkehrerfilme. Kollektivpsychologisch leicht zu erklären, sofern etwas leicht erklärt werden kann. Warum bin ich manchmal derart erschöpft? Weil ich aus dem Krieg komme. Welchem Krieg? Ich weiß es nicht.

Zwei alte Tanten saßen auf dem Maschendrahtzaun und sahen den Hunden zu. Sie hatten sich fein gemacht und trugen Schwarzgrau. Vornehmes Theaterpublikum. Gegeben wurde Hundeschabernack mit Frauchen und Herrchen. Das wollten sich die beiden Krähen nicht entgehen lassen, und so saßen sie in der ersten Reihe und genossen das Schauspiel. Kleine Pause vom sonstigen Allerlei eines Nebelkrähenlebens in Berlin. Sie redeten sogar miteinander, eine schüttelte den Kopf und sträubte das Gefieder, die andere wendete sich beleidigt ab. Dann sahen beide wieder nach rechts, wo gerade eine Hundenummer gegeben wurde, die Hol das Stöckchen hieß. Den beiden alten Tanten gefiel das, sie verfolgten wachen Blickes das Geschehen.

Als es dunkel wurde, begann ich meine Wanderung zum Mond.


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