Hochleistungsinterpreten längst geschriebener Stücke auf den Konzertbühnen der Vereinigten Staaten von Europa, Nordamerika, Australien und Japan. Pflege des musikalischen Erbes. Traditionsbewußtsein in der Moderne. Permanente Aktualisierung abgeschlossener Werke, interpretatorisch und ästhetisch. Der musikalische Nachwuchs drängt auf die Bühnen, möchte selbst oder wird von ehrgeizigen Eltern dorthin geschoben. Jugend musiziert. Sechs bis acht Stunden täglich am Instrument, das strenge Regiment der Meistermacher. Alles auf eine Karte. Betätigung und Bestätigung, Leben und Streben. Der Mensch braucht ein Ziel. Zucht und Disziplin, Unterwerfung, Demut, Meisterschaft und Beherrschung. Eine Komposition verstehen, sie spielen lernen, sie besser spielen als alle anderen, sich dafür bewundern und endlich auch bezahlen lassen.
Im Konzerthaus ergreift mich eine ähnliche Panik wie im Zirkus. Im Zirkus wird gejohlt und wie rasend geklatscht, dabei ist alles sehr traurig. Jede Vorführung macht mich würgen, wirklich jede. Ich versuche zu verstehen, warum jemand sich der Hochseilartistik verschrieben hat und nun dort oben hängt wie eine Libelle oder ein Glühwürmchen und sich dreht und dreht, als habe eine unsichtbare, aber zweifellos wahnsinnige Spinne das Kommando übernommen und wickle vor unser aller Augen ihre Speise ein, damit sie nicht mehr fort kann. Die Ponys laufen immer im Kreis herum, einmal im Uhrzeigersinn, einmal gegen den Uhrzeigersinn. Zwischen ihren steifen Ohren ragen Glitzerpuscheln nach oben. Sie sehen sehr artig aus, die braven Ponys mit den halbwüchsigen Mädchen auf ihren Rücken, die dort herumturnen und nicht hinunterfallen dürfen. Warum tun Menschen so etwas? Was treibt sie an?
Ich sitze zwischen diesen Leuten, diesem Publikum, das Geräusche von sich gibt, wie man sie als Kind zu hören bekam, wenn man leise sein sollte. Räuspern, Naserümpfen, Augen verdrehen, Brauen hochziehen. Sehr empfindliche Menschen, deren Kennerschaft und Feinschmeckertum keine Störung dulden, so hochkonzentriert geht es gleich zu Werke, wenn der Dirigent den Taktstock hebt. Wir sitzen auf Tuchfühlung und hören zu. Ich versuche mich ganz klein zu machen und irgend etwas zu denken oder zu fühlen. Ich kann nicht. Ich denke nur: Wann ist das vorbei, wie komme ich hier raus? Ich fühle nur: Gefangenschaft und Folter. Wie kann sich ein Mensch in einer solchen Position entspannen und der Musik hingeben? Es muß sich um eine weit verbreitete Gabe handeln, die mir versagt wurde. Daß ich einem Gottesdienst von Anfang bis Ende beizuwohnen vermochte, ist ein großes Wunder. Ich langweile mich dort so sehr.
Derweil ich dies notiere, ist die Panik im Zimmer. Ich muß sofort hinaus in die sonnige Wirklichkeit dieses ersten Novembertages. Imagination ist eine gefährliche Angelegenheit. Alte Wirklichkeiten bedrängen mich, sie sind wieder hier. Ich zucke, ich spüre den Druck. Ich reagiere überempfindlich auf bestimmte Situationen und Anforderungen. Ich bin voll des Mitgefühls für alle Akteure solcher Veranstaltungen des pittoresken Grauens inmitten unserer Zivilisation der Dressur und abgerichteter Hochleistungsmenschen, einer Zivilisation, die das Unnatürliche zur hohen Kunst erklärte, um hinauszufinden aus den Zwängen der Natur.
Überdehnung. Überforderung. Die Dämonen.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.