Das Problem

Wenn unterschiedslos alle Menschen zu Feinden erklärt werden, da sie anders denken, leben und hoffen, liegt ein besonders schwerer Fall von Erkrankung vor. Der religiöse Wahn ist deshalb gefährlich, da ihm mit Argumenten nicht beizukommen ist, auch nicht mit physischer Gewalt. Das Gespräch ist beendet, noch ehe es begonnen hat. Der Gotterwählte benötigt keine Hinweise von außen, er läßt sich diesen Status der Erhobenheit und Nähe nicht relativieren. Es interessiert ihn nicht mehr, was andere sagen. Sie sind Versucher, die es abzuschütteln und loszuwerden gilt. Er lebt fortan jenseits der Kompromisse und geht einen sehr geraden Weg, der durch die Hölle ins unendliche Glück führen soll. Daß der Gott, dem er folgt, grausame Taten fordert, gehört zur Logik der Prüfung. Daß der Gott, dem er folgt, sie fordert, weiß der Erwählte von jenen anderen, die sich ebenfalls als Erwählte fühlen. Sie verweisen auf die Schriften, in denen geschrieben steht, daß. In den Schriften steht einiges geschrieben, meist auch das Gegenteil. Deshalb gab und gibt es Schriftgelehrte, die den Sinn der Worte auslegen. Deshalb existieren unterschiedliche Schulen und Lehren. Der Fanatiker läßt nur die seine gelten. Er ist sich gewiß, im Recht zu sein. Jeder Irrtum ist ausgeschlossen. Er ist bereit zur Tat. Um so zu denken muß man sehr jung und unerfahren sein, lange Zeit eingeengt leben und endlich hinaus wollen und empor. Was aber sagt sein Gott, wenn er eintrifft? Und wenn er es nicht sagt? Auch dies scheint von anderen bereits beantwortet zu sein. Das ist das Problem: Es gibt keine Fragen mehr.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Das Problem

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert