Faktenwissen ist kaltes Wissen und paßt in Handbücher und Nachschlagewerke. Warmes Wissen entstammt dem Leben, ist dessen Frucht (oder Blut oder Essenz). Man kann es nicht erwerben, außer man lebt und versteht. Manchmal begegnet man ihm. Jemand macht den Mund auf und ist autorisiert. Auch in der Kunst. Es vermittelt sich augenblicklich. Wir wünschen uns die Alten als weise Menschen, an die wir uns wenden können. Aber auch die Alten leben in großer Angst, fürchten um ihre Rente und solche Sachen. Die ganz Alten haben den Krieg noch erlebt und erschrecken wenigstens nicht gleich, wenn es irgendwo knallt.
Gestern dachte ich, daß wir sehr leicht zu erschrecken sind. Die vielen schönen Friedensjahre haben uns ängstlich, schmerzempfindlich und neurotisch gemacht. Als lebten wir auf einem Hochplateau oder einer Insel und ließen uns servieren. Mit einem Mal setzte die Sicherheit und Bequemlichkeit dieser irdischen Erwähltheit aus, Unruhe machte sich breit, man müßte kämpfen, sich behaupten. Ja, aber doch nicht mit schlechtem Gewissen. Man kann doch mit schlechtem Gewissen nicht kämpfen. Wie soll das denn funktionieren? So befinden wir uns in der Klemme, da wir von keinerlei Überlegenheit mehr ausgehen dürfen. Wir scheinen ungerechtfertigt zu sein, das ist so wie nackt. Wir selbst müssen besser werden.
Die kleinen Bürger machen sich die Gedanken ihrer Herren. Wenn sie stürzen, ziehen sie uns mit in den Untergang. Deshalb ist jetzt viel von wir die Rede. Der äußere Feind schmiedet die Gruppe zusammen, und sei sie noch so riesig und divers. In welche Folgehandlungen wir damit gezogen werden, läßt sich noch nicht absehen. Was spricht die Weisheit? Sie sagt: Es gibt Kämpfe, die sind nicht ehrenhaft, müssen aber gekämpft werden. Wer viele Truppen benötigt, kämpft schlecht. Wer den Sieg geistig erringt, geht erhobenen Hauptes vom Feld. Seinen Feind niemals demütigen, auch wenn er genau dies beabsichtigt. Während des Kampfes bereits an die Zeit nach dem Kampf denken. Sie vorbereiten. Aufgeregtheit vermeiden. Klar denken, klar handeln. Die Situation nicht verschlimmern.
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