Daß Schriftsteller nicht ganz bei Trost sind, läßt sich ahnen. Eben lese ich Lutz Seilers Rückblick auf sein Jahr in der Villa Massimo (Rom), als er einen großen, wenn nicht gewaltigen Roman über die Nachwendezeit in Berlin zu schreiben gedachte. Heraus kam eine Hiddensee-Geschichte namens Kruso. Eine Übung in Demut, dann die Verwandlung. Vorher das komplette Drama eines Scheiternden: Schreibblockade, Ich-Krise, Symptome schwerer Krankheit. „Ein Schriftsteller, der nicht schreibt, ist nichts wert“. (Seiler ergänzt noch, „vor allem für sich selber nicht“, doch das schwächt das Urteil unnötig ab.) Allein deshalb sollte man vorsichtig sein mit Bezeichnungen und Selbstbenennungen. Am Ende glaubt man an sie und steckt in etwas fest, das man nicht mehr los wird. Macht eines einzigen Wortes, das außer Angst nichts produziert. Alle Sätze, die beginnen mit „Ich bin …“, sind auf diese Weise gefährlich, sofern sie nicht von vornherein harmlos sind.
Die Schriftsteller sind selbst schuld. Sie machen meist eine Menge Tamtam um ihr stilles und abseitiges Tun. Sie sind pathologisch pathetisch. Ich sehe sie sitzen und schwitzen, sie ringen mit ihrem Dämon. Ihr Ehrgeiz frißt sie auf. Die Sprache, mit der sie hantieren, widersetzt sich dem Ansturm ihres rohen Wollens. Sie schlagen sich den Kopf blutig an der Mauer des Schweigens der Worte. Dazu Bilder aus Filmen: die Schreibmaschine, der junge Dichter, Hemdknöpfe offen, hastig gerauchte Zigaretten. Alkoholika als Treibstoff, gern auch Amphetamine. Auf dem Fußboden die zerknüllten Seiten, mit einer zornigen oder resignativen Bewegung aus der Maschine gerissen und zu den anderen geworfen. Der Lichtkegel der Schreibtischlampe, der Aschenbecher randvoll, eine Kippe qualmt noch. Im Film platzt dann der Knoten, der Schreibende wird aus seinem Martyrium entlassen und zum Dichter befördert. Es beginnt die Phase des Ruhms und führt ihn in Versuchung.
Amerikanisches Schreiben, quantitatives Schreiben. Ein Pensum ist zu schaffen. Ernest Hemingway und Jack London. Hundert Zeilen, erst dann der verdiente Drink. Ruinöse Selbstausbeutung: Menschen pressen sich aus und werfen sich selbst auf den Müll, wenn die Quelle nicht mehr sprudelt. Wer nicht mehr schreibt, ist nichts mehr wert. Überanstrengung als Lebens- und Schaffensprinzip. Muskulöses Schreiben, literarisches Armdrücken. Das Alphatierchen und seine männlichen Geschichten aus den Zonen der Bewährung, der Gefahren und des überwundenen Schmerzes. Dagegen liest sich Seilers Bericht aus dem Stipendiatenheim wie ein Schüleraufsatz. Es fehlt die Fallhöhe. Der Familienvater geht ins Heim und schreibt einen Roman. Es fehlt die Romantik. Man bekommt den leisen Wahn, und noch der wird heruntergeregelt auf Zimmertemperatur.
Einst galten die Künstler als exemplarische Menschen, da sie es den Göttern gleichtaten und Welten schufen. Sie waren auch Zauberer und Geisterbeschwörer, Narren und Schelme. Mit Berufsschriftstellern ist das nicht zu machen. Die wollen ja schreiben und davon leben. Die möchten erfolgreich sein und ernst genommen werden. Wer hat ihnen das bloß eingeredet? Auf diese Weise entstehen Produkte, entsteht Analogware. Kein Wunder, daß Kreativität (neben Terror) das Hauptthema unserer Zeit geworden ist. Eine Versuchsreihe in Selbstvergottung auf breiter empirischer Basis. Es kommt nichts dabei heraus, das läßt sich jetzt schon sagen. Ich will ich will ich will. Nicht mehr.
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