Der Parteitag erhebt sich und applaudiert

Ich habe heute vormittag Merkel auf dem Parteitag reden gehört und war erstaunt, wie gut es ihr gelang, die Delegierten dort abzuholen, wo sie jeweils standen. Sie begann damit, in chronologischer Reihenfolge durch die Monate dieses politisch turbulenten Jahres zu spazieren und in Erinnerung zu rufen, was anlag und wie es angegangen wurde. Sie erinnerte ihre Parteigenossen an das C im Namen ihrer Vereinigung, gab Nachhilfeunterricht in Sachen Toleranz, fuhr ins Futur II, indem sie aufforderte, sich einmal vorzustellen, wie man in zehn Jahren auf die politisch Verantwortlichen der Gegenwart blicken werde, wenn die nach nur vier Monaten verstärkter Flüchtlingsbewegung die Flinte ins Korn würfen und kapitulierten; sie entwarf eine haltbare Vision dieses Landes in fünfundzwanzig Jahren (Technologie, Bildung, Standort, Miteinander, Chancen), beteuerte, daß sie Deutschland liebe und sich deshalb so einsetze, erinnerte an Konrad Adenauer und Ludwig Erhard, der bekanntlich „Wohlstand für alle“ gefordert hatte und nicht „Wohlstand für fast alle“, woraus sie die Schlußfolgerung zog, daß die CDU eine Volkspartei sei, in der jeder willkommen sei, unabhängig von Einkommen und Stand. Sie erklärte, daß die sogenannte Flüchtlingskrise ein zu gestaltender Prozeß sei, der diesem Land vor Augen führe, was Globalisierung eben auch bedeute (nachdem Deutschland bisher ökonomisch Vorteile daraus gezogen habe, Stichwort „Exportweltmeister“). Während der gesamten Rede dachte ich: Sie ist klug und geschickt. Sie weiß, wie die Leute funktionieren und was sie zu hören begehren, und zugleich serviert sie ihnen bittere Medizin. Keine Krankenschwester, eher schon Ärztin. Für den Mittelstand, versteht sich. Doch auch für jene, die gerne dazu gehören möchten. Sie konkurriert bereits mit der Sozialdemokratie, die sich neben dieser Frau auch in Zukunft extrem schwertun wird. Sie nimmt fast allen fast alles vom Brot.


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