Vor dem Heiligen Abend

Sonnenuntergang um 15 Uhr 55. Ausgedehnter Spaziergang zur Spree und in weitem Bogen zurück. Ein kaltblauer Himmel, ein sehr naher Mond, das stille Wasser des Flusses. Der Alptraum eines Architekten neben dem ehemaligen Eierspeicher. Asiatische Touristen an der East Side Gallery, sie lächelten und photographierten sich vor den bunten Mauerbildern, die derzeit gereinigt werden. Beruhigend, daß nicht für alle Menschen auf dieser großen Erde heute ein bedeutsamer Tag ist. Vorm Yaam An der Schillingbrücke stand ein Rettungswagen, eine Krankenbahre wurde aufs Gelände geschoben. Dort saßen sie um ein großes Feuer und hörten Reggae. Einer war offenbar zusammengeklappt. Polizei war auch da. Auf Kreuzberger Seite die Glocken. St. Thomas lud zur Christvesper Heilig Abend. Je näher ich kam, desto verwirrender und lauter war die Klangfolge. Die umliegenden Häuser warfen die Glockenschläge zurück. Was für eine Macht! Ich erstarrte und bekam eine Gänsehaut und sah in Blitzeseile eine kurze Geschichte der Missionierung vor meinem inneren Auge. Die Glocken kündeten den Sieg des neuen Glaubens. Vom Mariannenplatz sah ich hinauf zu den beiden Türmen, in denen sie hin und her schwangen. Die Gläubigen strebten dem hell erleuchteten Eingang zu. Geht nur beten, ihr Heuchler, hätte ich mit sechzehn gedacht. Das denke ich nicht mehr. Komme ein jeder mit sich selbst ins reine. Ich beschleunigte meine Schritte. Am Heinrichplatz saßen die alten Haubitzen und tranken besinnlich ihr Bier im Goldenen Hahn und im Elefanten. In der Mariannenstraße kam mir ein Hund entgegen, obwohl Frauchen ihn rief. Er lief einfach weiter, an mir vorbei. Der Begleiter des Frauchens fragte: Und wie lange willst du jetzt warten? Sie sagte: Wenn sie merkt, daß sie nicht reinkommt, kehrt sie um. Der Kottbusser Damm ruhiger als sonst. Die türkischen Läden geöffnet wie an jedem Donnerstag im Jahr. Auf dem Hermannplatz trat ein grobschlächtiger Mann mit voller Wucht gegen einen Müllbehälter der BSR. Der Boden sprang auf, der Müll fiel aufs Pflaster. Der Mann fluchte, tobte, war von Sinnen. Jetzt nahm er sich ein Fahrrad vor, riß Werbeblätter aus dem festgeschraubten Einkaufskorb, schmiß sie auf den Boden und trampelte darauf herum. Sein Begleiter sah zu, griff nicht ein. Er wartete unbeteiligt, so wie man wartet, wenn der andere pinkeln muß. Beide trugen Anorak und Basecap. Für einen kurzen Moment war mir, als kenne ich den Rasenden. Ein alter Bekannter, ein linker Faschist (falls es das gibt). Einer, der von Waffen träumt und von Stärke, der sich beweisen will. Ein Mensch des Rudels. Zum Glück ist er mir abhanden gekommen. Dieser hier war es nicht. Der Rest des Heimwegs war friedlich. Ich stimmte mich ein auf einen tiefen Abend abseits des Sonstigen.


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