Im Silberschein

Seit Stunden bin ich schlafensmüde, doch der tellergroße Mond wirft mit fahlem Licht. So sitze ich nun und notiere das, als sei es von Bedeutung. Nächster Tage werde ich hören, wie der Heilige Abend woanders begann, weilte und verstrich. Hier war es ruhig, als gäbe es außerhalb keine Welt. Nur ein bißchen Licht in irgendwelchen Fenstern. Sie gingen an und gingen aus. Keine Menschen. Nur einmal ein Kopf, der war zu sehen.

Heute nachmittag hatte ich einige Gedanken zu dem Wanderpoeten, dem wir diesen Tag widmen. Die Gedanken waren solche des Gehens. Als ich nach den Vorfällen draußen die Wohnung betrat, waren sie sämtlich fort. Jetzt erinnere ich mich wieder. Ich dachte daran, ihn einen heiligen Narren zu nennen, und fragte mich, ob das auf Widerspruch stoßen werde. Ich hätte erklären können, warum er sich närrisch verhielt und die Menschheit, seit sie ihn zu verstehen und seine Lehre aufzunehmen und anzuwenden sucht (unter Anleitung), noch närrischer wurde, als sie es ohnehin schon war.

Seine fixe Idee, so meine Nachmittagsspazierweggedanken, war das absolute Gute. Keine Vorurteile, keine Mißgunst, keine Konkurrenz, kein Besitzstreben, keine Rache, kein Haß, sondern eifersuchtslose Liebe. Das Programm, dachte ich, ist mehrere Nummern zu groß. Es überfordert und streßt die Jünger und Gemeindemitglieder. Sie müßten arm sein und frei von Neid und voll der Liebe zu allem, um das nachvollziehen zu können, was er zu leben und zu äußern sich bemühte. Er war, so dachte ich weiter, ein antiautoritäres jüdisches Genie ohne die Absicht, einen neuen Glauben zu stiften.

Da zu ihm niemand aufzuschließen vermochte, seine Ideen aber funkelten und Wirkung entfalteten, nahm die Geschichte einen eigenartigen Verlauf. Aus der Sekte der Jesus-Anhänger wurde eine mächtige Glaubensgemeinschaft, die weltlich an Einfluß gewann. Das ist in den Geschichtsbüchern nachzulesen. Was wurde aus seinen Einsichten und Erkenntnissen? Wir sind die Guten, höre ich aus den Gottesdiensten, gleich welcher Richtung. Das Trennende trägt die Siege davon. Sogenannte Autoritäten rechtfertigen eine wacklige Bekenntnislehre. Stümpereien in Gott. Doch es wurde auch Schönes geschaffen und Gutes getan.

Jesus ein heiliger Narr, da er möglicherweise annahm, eines Tages fänden die Menschen aus ihrem selbsterrichteten Blendwerk heraus und benähmen sich nicht länger wie Idioten. Er war Poet, Philosoph und Heiler, er mußte sagen und tun, was er wußte. Vermutlich scherte er sich nicht sonderlich um die Streber, die an ihm hingen und nur darauf warteten, daß erneut etwas Wundersames geschah. Er zog weiter, sie zogen mit.

Sein Verhältnis zu Gott halte ich für ungeklärt. Wenn Gott ein anderes Wort für Wahrheit ist, wußte Jesus, daß sie nicht eingreift, sondern besteht.


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