Besondere Tage

Heute wurde ich auf die Rauhnächte aufmerksam gemacht, wie bereits letztes Jahr. Die Zeit zwischen den Jahren, eine gefährliche Zeit, in der nicht gearbeitet werden sollte. Tage ohne Verankerung, lose Tage, Tage wie Omen für die Monate des nächsten Jahres. Aberglaube, altes Wissen, Vorurteile, Erkenntnisse, Spukhaftes, Erfahrung, Hörensagen, Weitersagen. Ich plädiere meist zugunsten der Ahnen und denke (stelle mir vor), daß sie etwas bemerkten und bannen wollten: unerklärliche Nachrichten, eigenartige Gefährdungen, Stockungen im Lebensfluß. Plötzliche Tode, entsetzliche Schwermut. Als sitze dieser Tage etwas fest und komme beim besten Willen nicht los. (Kontrapunkt zu „lose Tage“. Demnach solche des Losgelassenseins von Rücksicht, Sitte, Gesetz, Schicklichkeit, Schutz. Schlimme Tage.) Ich stamme zum einen Teil aus der bäuerlichen Welt des Aberglaubens, der im christlichen (lutherischen) Glauben nicht aufgefangen oder neutralisiert werden konnte. Es gab hundert und eine Regel für meine Bauerngroßeltern. Dagegen mutet der Ratschlag, in den Rauhnächten keine Wäsche aufzuhängen, da daraus ein Leichenhemd geschnitten werde, wie eine parodistische Prunkdarbietung an. Zum anderen Teil entstamme ich aus einer Linie, die das Christentum aus Freigeisterei und Nationalromantik heraus ablehnte und andere, durchaus gewaltsame Wege suchte, aus der Misere der sich überlagernden Überlieferungen zu treten. Aus diesem Grund bin ich gezeichnet. Doch ein jeder ist gezeichnet, nur daß nicht jeder wissen darf, wodurch. Geheimniskrämerei und Gesundbeterei der Familien, die Grüfte der Verschwiegenheit sein können, häufig sind. Wer von uns Lebenden weiß schon, was die Ahnen wirklich trieben. Leichen im Keller. Es wurde und wird viel verschwiegen, angeblich zum Besten des Kindes, der Nachfahren usw. Diese Praxis verlängert das Leid. Denn das Leid wird gespürt, auch ohne konkretes Wissen. Sollen alle reden! Für die Toten müssen andere einspringen, sofern sie etwas wissen. Es ist nicht schlimm, Dummes oder sogar Böses getan zu haben. Sich nicht freisprechen zu können, das ist schlimm.


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