Angeklagt, schuldig, frei

Als ich auf dem wilhelminischen Bahnsteig stand (die Überdachung wie ein kaiserlicher Pavillon oder eine langgezogene Ausstellungshalle aus der Zeit von Eisen und Stahl), abseits der Wartenden, abends, fast schon nachts, auf die Schnellbahn stadteinwärts wartend, auf und ab gehend, um die Wartezeit in Schritte zu zerkleinern, gewahrte ich am Himmel ein fahles, fernes Licht, verschwommen und verschleiert, nicht rätselhaft, doch hinter Wolkenstreifen, die es schraffierten, zu bloßer Andeutung zerronnen: den Mond. Ich dachte zweierlei: 1. daß ich mich zu ihm in ein persönliches Verhältnis setze, beweist meine Aufgeblasenheit; 2. als sei, was er kann, für ungültig erklärt worden oder außer Kraft gesetzt. Darin irrte ich. Denn während der Fahrt entlang der Stadtautobahn – Stationsnamen traten ein, blieben stehen, traten aus – war er unser Begleiter. Wir waren nicht viele, es war Dienstag, würde nächstens Mittwoch werden. Er entschleierte sich sogar oder wurde entschleiert, stand recht voll und noch stattlich am südlichen Stadthimmel im Fenster der rollenden Bahn, auf deren Bank ich dämmerte, erschöpft von jenem Prozeß, den ich gegen mich selbst führe und immer wieder verliere. Ich bin Angeklagter und Kläger zugleich. Ich verstand auch, warum es einfach ist und gut, einen Gott anzurufen, denn irgendwer muß doch verantwortlich zeichnen. Ich selbst kenne keine Gnade. Ich verbrenne auf den Barrikaden, die ich gegen mich selbst errichtet habe. Ein Reinigungsritual, eine Selbstbezichtigungsposse, eine Opferhandlung, ein Stellvertreterkrieg, eine Spiegelfechterei, eine Verschwendung von Phantasie an die Grausamkeit. Drei Kreuze machen, sagten wir früher, wenn etwas überstanden war.


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