Wisent

Sehe ich aus dem Fenster, scheint dieser Tag in Zeichensprache „Ich kann nicht“ zu sagen. Er selbst spricht nicht, deshalb läßt er sprechen. Das abgestorbene Laub hängt nur noch an den Sträuchern, weil es bisher nicht abgefallen ist. Das Haus gegenüber steht dort, weil es immer dort steht. Ich sitze hier, weil ich immer hier sitze, wenn ich aus dem Fenster schaue. Ich denke unvermittelt an Wildparks im Nebel und Wisente auf der Weide. Ihre schweren Körper, das fahlbraune Fell, der tief angesetzte Kopf. Sie waren in ganz Europa verbreitet, mit Ausnahme Italiens und Griechenlands. Heute existieren vom Europäischen Bison nur noch sogenannte Reliktpopulationen. Sie ähneln sehr ihren nordamerikanischen Verwandten, den „Indianerbüffeln“. Deshalb war ich als Kind aufgeregt, als ich den ersten Wisent sah. Ich träumte mich zu den Indianern und hätte, um mit ihnen leben zu können, die Jagd des Bisons erlernt. Es gab auch ein Buch, in dem zu lesen war, wie ein weißes Geschwisterpaar, Mädchen und Junge, von Indianern verschleppt wurde und unter ihnen aufwuchs und alles lernte, was Indianerkinder können müssen. Etwa dort waren meine Gedanken, als ich die Tiere im Wisentgehege Springe sah. Ganz unvermittelt kommt diese Erinnerung doch nicht. Das Diesigfeuchte vor dem Fenster, das an den Hauswänden klebt und die Bäume, Büsche und Sträucher umgibt und auf der Erde liegt, hat mich verbunden. Ich liefe jetzt gerne entlang des Geheges der mächtigen Bisons. Ihr Anblick wirkt beruhigend, das weiß ich. Übrigens ignorieren sie Hunde, habe ich gelesen. Sollen die kleinen Scheißer keifen und kleffen. Menschen gehen sie aus dem Weg. Nur wenn die Fluchtdistanz zu gering ist, erfolgt der Angriff. Sie werden niemals wirklich zutraulich.

 


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