Eine Ecke Welt

Durch die kalten und diesigen Straßen dieses Viertels. An der hohen und nackten Brandmauer des Wohnhauses Hermann-/ Ecke Flughafenstraße auf einem Werbebanner die Behauptung: „Neukölln lässt sich leichter schön machen als schönreden.“ Der Baumarkt dazu läßt sich leichter kennen als mögen. Drei schnittige Mercedes-Sportlimousinen stehen vor der roten Ampel kolonnenartig hintereinander und lassen die Motoren aufröhren. Die Fahrer mit ihrem ungebrochenen Vertrauen in PS sitzen auf bequemen Ledersitzen in ihren Cockpits und warten auf die Freigabe der Strecke. Ich kann sie gut erkennen, sehe, wie ihre Hände lässig auf dem Lenkrad liegen, erkenne die Armaturen, die leuchtenden Bordinstrumente. Kontrolle und Macht, Herren der Straßen dieser Stadt. Schon sind sie fort, leiser und langsamer als erwartet. Die raubkatzenartige Kraft ihrer Luxuskarossen haben sie mit einem leichten Druck ihres rechten Fußes lediglich angedeutet. Sie gleiten durch Neukölln und empfinden Genuß. Ich weiß nicht, wer sie sind. Ohne ihre funkelnden Wagen hätte ich sie nicht beachtet. Heute ist Samstag, nun ist Nacht. Sie werden vorfahren und ausführen wollen, um der Angebeteten zu zeigen, wer sie sind und daß sie es zu etwas gebracht haben. Unter dem OBI-Werbebanner blinkt in Leuchtbuchstaben das Café Aleppo im Barackenbau auf dem Eckgrundstück, wo seit dem Krieg kein Haus mehr steht und vor ein paar Jahren noch ein Autohändler Gebrauchtwagen verkaufte.


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